Geballte Lernerfahrung – Mein persönlicher Blick auf das 2. Interreligiöse Frauenmahl

Mit der Teilnahme am interreligiösen Frauenmahl im Hospitalhof betrat ich echtes Neuland: Es war mein 1. Ma(h)l!

In meinem Freundeskreis hatte ich niemanden gefunden, der mitkommen konnte oder wollte. Also ging ich einfach alleine hin – und habe das auch nicht bereut, denn ruckzuck war ich eingebunden in schönste Gespräche, fesselnden Austausch und eine wunderbar aufgeschlossene, multireligiöse Tischgemeinschaft. Das Essen war übrigens vorzüglich!

Doch von vorne: Ich verabschiedete mich früh am Nachmittag schon von zuhause, zwackte sozusagen dem sonntäglichen Familienleben etwas mehr Zeit als eigentlich notwendig ab, selbstredend ohne dieses mitzuteilen. So konnte ich mir schon eine Stunde früher am Empfang meine Eintrittskarte, ein farbiges Stoffband mit EFW-Aufdruck, abholen. Damit ausgestattet am Handgelenk durfte ich eintauchen in diesen Nachmittag und Abend. Ich bin oft im Hospitalhof, stets führt mich mein Weg zum Schaukasten draußen sowie zum Bücherflohmarkt und der Auslage der Veranstaltungsflyer im Erdgeschoss und vor den Toiletten im Keller, wo ich mich jeweils eindecke mit Ideen und Material. An diesem Nachmittag ist etwas neu: Eine kleine Ausstellung über 100 Jahre EFW lockt mich. In der Stille webe, lese, fühle und studiere ich die Details der vergangenen Dekaden. Und den Jubiläumsordner der EFW werde ich mir auf jeden Fall besorgen.

Den großen Saal im 1. Stock betrete ich erst kurz vor Veranstaltungsbeginn, laufe zwischen den fein gedeckten und geschmückten Tischen einfach mal hindurch, entdecke vorne am Podium die bekannten Namen: Muhterem Aras, Barbara Traub, Ines Fischer – ihnen wollte ich schon immer mal begegnen. Hosnija Mehr, Nathalie Schaller – sind mir bisher unbekannt, ich bin gespannt. Viele Frauen scheinen sich zu kennen, der Geräuschpegel ist enorm; ich höre lautes Lachen und Begrüßungen voller Freude, manchmal in anderer Sprache, die Gespräche sind schon längst rege im Gang und die Ausgelassenheit ansteckend. Mir fällt auf, dass sich die Religionen und die Altersklassen munter durchmischen. Ein Platz findet sich, meine Tischfrau kümmert sich sehr aufmerksam um uns. Anmerkung: Später muss ich nichtmal zum Buffet laufen, sondern bekomme das Essen gebracht! Luxus, ich kann mich ohne Unterbrechung in die Vorträge und die Gespräche vertiefen und der Musik lauschen.

Meine direkte Tischnachbarin ist eine junge Muslima, Lehrerin, 3 Kinder, 2 davon noch sehr klein. Sie ist wunderschön geschminkt, trägt eine schmale Hose zur Bluse; sie kommt deutlich gehetzt etwas zu spät und entschuldigt sich sehr dafür. Ihr Deutsch ist besser als meins, sie macht mich sofort neugierig. Von ihr lerne ich im Verlauf des Abends Vieles, aber insbesondere auch, dass die pfiffige Mütze ihre Form ist, mit der Kopftuchfrage im Alltag umzugehen. Während des Unterrichtens lege sie ihre Kopfbedeckung ab, weil auch die Mütze religiös motivierte Kleidung und damit in Baden-Württemberg nicht erlaubt sei, sagt sie. Die Gespräche gestalten sich unkompliziert und fließen, auch angestoßen mithilfe der von unserer Tischfrau eingebrachten Fragestellungen. Später feiere ich noch ein unerwartetes Wiedersehen mit mehreren lieben Frauen, die ich schon glaubte, dauerhaft aus den Augen verloren zu haben. In Gesprächen konnten wir anknüpfen an gemeinsam Erlebtes, wie schön!

Neben diesen persönlichen Erfahrungen, nehme ich aus allen Vorträgen für mich wertvolle Impulse mit. Ganz besonders beeindruckt mich die schlichte Performance von Hosnijah Mehr, die so mitreißend und unfassbar klug eine Ode an die Weiblichkeit formuliert und vorträgt. Allen Frauen, auch den Moderatorinnen übrigens, ist gemein, dass sie etwas gewagt haben und immer noch wagen, dass sie vorne stehen und sich aussetzen, dass sie sich getraut haben und immer noch trauen oder gerade erst damit beginnen, voller Mut und vielleicht furchtlos, auf jeden Fall manches Mal gegen Widerstände. Aber auch, dass der Zufall Weichen stellt oder Männer sie unterstützend begleitet haben, um in frau das eigene Zutrauen zu wecken. Warum auch nicht, wir anderen können davon lernen. Danke dafür!

05.04.2019

Kathrin Fechner
Kathrin Fechner
fressbefreit@gmail.com

Kathrin Fechner ist Rheinländerin in Stuttgart, außerdem leidenschaftliche Schreiberin zu vielen Themen, die sich insbesondere aus ihrem turbulenten Familienleben mit 3 pubertierenden Söhnen, ihrer Sportbegeisterung und ihrer persönlichen Gesundheitsbiografie ergeben. Über letztere schreibt sie unregelmäßig regelmäßig in ihrem blog „fressbefreit“. Kathrin leistet glücklich Hintergrundarbeit im kirchlichen Dienst.

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