Zerfledderte Familie.

„Wir sind eben keine normale Familie”, sagt mein Mann schulterzuckend. Und: „Auf Eure Gesellschaft lege ich im Moment sowieso keinen Wert mehr”, sagt mein ältester Sohn und geht. „Ich habe meine Freundschaften nicht vermisst, man arrangiert sich halt”, sagt eine liebe Freundin. „Nach jeder Benutzung sind alle Knöpfe zu desinfizieren”, sagt die aktuelle Anweisung am Büro-Drucker. „Das ist die neue Wirklichkeit”, sagen Forscher. „Bald tragen wir Masken wie ein Accessoire”, sagt meine Änderungsschneiderin. „Krieg‘ ich mehr Computerzeit?”, fragen unisono meine Söhne. „Für heute mache ich Schluss, ich gehe in den Garten”, ruft mein Mann über die Schulter.

So gesagt und gehört in den letzten Wochen, Tagen und Stunden. Mir fallen spontan viele Emojis ein, die ich diesbezüglich einer Messenger-Nachricht anfügen würde: Sie heulen und sind grün im Gesicht oder voller Fragezeichen. Einzig die Bitte meines Vaters: „Machen wir bald wieder eine Zoom-Schalte?” rührt und freut mich. Mein Vater hört schlecht, sieht aber wie ein Luchs. Mit Zoom und Boom-Box funktioniert Telefonieren mit den Enkeln endlich auch für ihn. „Warum sind wir da nicht früher drauf gekommen?”, frage ich mich. Bei allem anderen könnte ich, wie mein jüngster Sohn, wütend Füße stampfen und Türen knallen und ganz laut „Sch….” schreien. Ich hasse Corona!

Was ist passiert? Weitere Wochen sind vergangen seit meinem Beitrag Statt „7 Wochen Ohne” sind es jetzt „7 Wochen mit”: Mit Corona! Ich büße meine Energie und auch meine gute Laune und Zuversicht ein. Die Zeichen stehen auf Flucht. „Endlich sind Ferien, endlich Urlaub, endlich mal wieder Zeit als Familie und Zuhause.” Halt, das sind Worte aus der Vergangenheit. Zuhause will ich wirklich nicht mehr sein, auch nicht gemeinsam mit der ganzen Familie. Mein Zuhause ist ein goldener Käfig voller negativer Energie, Wollmäuse und sinnfreiem Streit. Mit langen, zerhackten Arbeitstagen bei fehlender Konzentration, und viel zu nah dran an den Schul-Themen. Aber zum Glück hat mein Zuhause Türen, so dass sich jeder von uns verbarrikadieren kann. Das machen wir also. Die engeren Familienbande der frühen Corona-Zeit haben sich gedehnt und gelockert. Ich hoffe nur, sie reißen nicht und tragen weiterhin.

Meine Familie zerfleddert. In gelassenen Momenten vermute ich, dass das ganz normal ist – wir leben in einer sehr besonderen Zeit: Auf die Nähe folgt Distanz, dann wieder Nähe. In verzweifelten Augenblicken sehe ich jedoch, wie meine Familie sich auflöst. Wie wir vereinsamen und jeder nur noch für sich überlebt. Wie wir einander nicht mehr teilhaben lassen, die Nähe nicht mehr aushalten können. Dann muss ich bewusst umschalten und mir anschauen, was wir schon geschafft haben: Wir sind 5 Individuen in unserem Käfig und bisher fand sich (fand ich) meistens eine Lösung. Damit ich das weiterhin schaffen kann, denn wir werden wohl noch eine Weile durchhalten müssen, führe ich eine zeitweise Trennung herbei: Ich fahre mit 2 von 4 Männern kurzentschlossen weg. Nur ein paar Tage, einfach nach Süddeutschland an einen See. Ich brauche andere Bilder im Kopf. Ich will auftanken. Damit meine Energie und Zuversicht zurück kehren können.

Ich wünsche uns allen, dass wir kurze Fluchten finden, die uns durchhalten lassen. Vielleicht hält ja wirklich ein guter Gott die Hand über uns und trägt uns hindurch. Darum bitte ich. Amen.

Kathrin Fechner
Kathrin Fechner
fressbefreit@gmail.com

Kathrin Fechner ist Rheinländerin in Stuttgart, außerdem leidenschaftliche Schreiberin zu vielen Themen, die sich insbesondere aus ihrem turbulenten Familienleben mit 3 pubertierenden Söhnen, ihrer Sportbegeisterung und ihrer persönlichen Gesundheitsbiografie ergeben. Über letztere schreibt sie unregelmäßig regelmäßig in ihrem blog „fressbefreit“. Kathrin leistet glücklich Hintergrundarbeit im kirchlichen Dienst.

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