Statt „7 Wochen Ohne“ sind es jetzt „7 Wochen mit“: Mit Corona!

Es ist und bleibt ein Akt der Balance: Unsere Autorin Kathrin reflektiert ihre Erfahrungen während des Corona-Lockdowns.

Ich weiß: „7 Wochen Ohne“ ist der Titel unserer bundesweiten Fastenaktion. Ich habe ihn ja nur geborgt. In 2020 war das Motto „Zuversicht – 7 Wochen ohne Pessimismus“. Finde ich toll, auch das diesjährige Programm gefiel mir sehr. Doch dann wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte, für die EFW einen Beitrag zur württembergischen Fastenaktion zu schreiben. Damit war die Sache entschieden: Meine Familie und ich würden „Fasten für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit“. Meine Söhne sprangen sogar viel mehr darauf an als auf die Sache mit dem Pessimismus.

Wir studierten das Programm. Schnell einigten wir uns auf eine andere Lesart als die vorgesehene: Wir würden uns die Themen Mobilität und Plastik vornehmen und für 7 Wochen versuchen, ganz bewusst unseren ökologischen Fußabdruck diesbezüglich zu verändern. Die Gesamtheit war uns nämlich zu viel, wir scheuten die Mühe und ich wollte ja nicht die Einzige sein, die sich darum scheren würde. Mit etwas Stolz stellten wir fest, dass wir schon wenig Plastik verwenden und das Auto viele Tage einfach nur parkt. Trotzdem fanden wir Möglichkeiten zu optimieren: Im Unverpackt-Laden in Stuttgart-West einkaufen. Mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln, auch wenn’s kalt ist. Internet-Bestellungen runterfahren, am liebsten abstellen. Etwas mehr als 2 Wochen ging das gut.

Diesen Freitag werde ich nie vergessen!

Dann kam Freitag, der 13. Ein Datum, das sich mir eingebrannt hat. An jenem 13. März wurde der bundesweite Corona-Shutdown beschlossen. Das kam nicht überraschend, zeichnete sich ab, war vermutlich notwendig. Trotzdem hat mich die Totalität der Maßnahmen überrollt: Schließung der Schulen in der Folgewoche, beinahe zeitgleich Schließung der Läden, Anordnung von Homeoffice ab sofort, Absage von Sport-, Musik-, Spiel-, Arzt- und Therapie-Terminen, von Geburtstagsfeiern, Studien- und Klassenfahrten und der Osterfreizeit. Sperrung von Spiel- und Kickplätzen. Verbot der Gottesdienste. Kurzum: Absolutes Kontaktverbot.

Völlig egoistisch habe ich in den ersten Momenten nur mich selbst gesehen: Als Mutter zwischen 3 (Beinahe-)Teenagern, die mäßig engagiert ihre Schulsachen erledigen, die für ihre Freunde und ihre Auswärts-Dinge leben. Als Mama eines autistischen Sohnes, der besonderer Förderung bedarf. Als Alleinverantwortliche für körperliches und seelisches Wohlbefinden aller Mitbewohner in unserem großen Haushalt. Als Partnerin des Geldverdieners, der schon Tage zuvor mit dem Homeoffice beginnen musste. Als Arbeitnehmerin im lebendigen Büro, die nun ausschließlich digital arbeiten soll. Und als Tochter entfernt lebender Eltern im Alter von 76+. Nicht zu vergessen die Angst meiner Söhne vor einer Gefahr ungekannter Größe und die apokalyptischen Sorgen meines Mannes. Ganz ehrlich: Ich habe nichts als Panik, nichts als blanken Horror gefühlt!

Wir Eltern unterstützen – auch wenn wir nicht mehr wollen

Unser komplettes Familienleben trat hinter Corona zurück. Wir haben die Grundsätze von Hygiene und Kontaktverbot befolgt und tun dies selbstverständlich immer noch. Wir lernten, uns zu beschränken und zu arrangieren. Wir sind demütig und dankbar, auch für unsere robuste Gesundheit. Meine Söhne schauen über den Familien-Tellerrand und stellen fest, wie gut es ihnen geht. Ausreichend Laptops bzw. mobile Endgeräte lassen uns teilhaben an der Fülle des Digitalen. Wir Eltern unterstützen, wo wir können, auch wenn wir manchmal wirklich nicht mehr wollen. Gesellschaftsspiele werden ausgegraben, die gemeinsamen Mahlzeiten zu festen Austausch-Plattformen. Die Brüder spielen, wir Ehepartner reden mehr miteinander. Wir treiben gemeinsam Sport und lachen viel dabei. Ich mag das alles und möchte es in die Nach-Corona-Zeit hinüber retten. Doch zunächst stecken wir noch mitten drin.

Jetzt sind es 7 Wochen mit Corona. Die 7 Wochen ohne Plastik, ohne Internetbestellungen und ohne Auto haben wir nicht geschafft. Ganz im Gegenteil. Ich stelle erschrocken fest, dass wir doppelt so viele gelbe Säcke benötigen wie in den Wochen zuvor. Meine Einkäufe umfassen weitaus mehr haltbare, eingeschweißte Lebensmittel, damit ich – hoffentlich – mit 1 Wocheneinkauf hinkomme. Gleichzeitig brauchen wir natürlich wirklich große Mengen, da niemand von uns auswärts isst und 3 von uns nahezu täglich größer werden. Dieser Einkauf wiederum passt nicht in Fahrrad-Packtaschen, so dass ich mit dem Auto fahren muss. Das widerstrebt mir, geht aber schlicht nicht anders. Mich freut, dass Stuttgart Feinstaub-frei ist, aber ich persönlich fahre eher häufiger Auto. Auch bestelle ich vermehrt im Internet und lasse Produkte bringen, an die ich sonst kaum dran komme bzw. bei deren Besorgung ich mich der Ansteckungsgefahr aussetzen müsste.

Corona verschiebt die Prioritäten

Corona verschiebt die Prioritäten in vielerlei Hinsicht. In diesen Zeiten zurecht zu kommen und unser Familienleben aufrecht zu erhalten, ohne die Individuen gleichzumachen oder gar zu übersehen, erschöpft mich. Die Schule, die Unsicherheit bzgl. der Schulabschlüsse meiner beiden älteren Söhne, die umfangreichen Hausaufgaben, die eigene Arbeit, die fehlende Nähe zu Kumpeln und Freunden, das Emotionale, all‘ das stresst mich. Die Nachrichten aus anderen Ländern der Welt machen mich ebenso fassungslos wie die Not der arbeitslosen Nachbarin oder die der Familien am Ende der Straße, die auf engstem Raum zusammenleben müssen.

Es ist und bleibt ein Balanceakt

Was mir hilft, ist mein enormer Pragmatismus, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn habe: Ich kaufe ein, was sein muss, und ich helfe rundum, wo es möglich ist – mit Abstand. Mein ökologischer Fußabdruck ist darum sicher nicht geschrumpft. Einiges blende ich aus und verdränge. In Erziehungsfragen lasse ich Manches zu, was mir nicht wirklich gefällt, aber allen gut tut. Wer nicht mit zur Radtour will, verpasst Schönes, muss aber nicht mitfahren. Ich dränge nicht mehr zu gemeinsamen Unternehmungen, diese Energie spare ich mir auf. Pragmatisch gehe ich auch mit dem Hausputz um: Da kein Besuch kommt, putze ich seltener, obwohl wir mehr zu Hause sind. Außer mir stört sich sowieso niemand an Wollmäusen oder Wäschebergen oder Chaos. Die Kinder müssen (noch) mehr mithelfen, andererseits koche ich wieder Extrawürste um des lieben Friedens willen. Es ist und bleibt ein Balanceakt.

Ich merke, dass ich ungeduldig den Lockerungen entgegen fiebere. Die Ketten von Corona habe ich so satt! Hoffentlich werde ich, werden wir, nicht unachtsam und nachlässig, hoffentlich schlägt Corona nicht zurück mit einer zweiten Welle. Denn nun geht die Schule wieder los. Ein weiterer Schritt in ein normaleres Leben. Dass ich meine Söhne irgendwann mal sagen höre: „Endlich wieder Schule“ bzw. „Ich will auch in die Schule, ich darf aber nicht“ – das hätte ich mir früher nicht vorstellen können. Ich wünsche mir so sehr, dass wir als Gesellschaft, als Gemeinschaft, an einem Strang ziehen. Ich wünsche mir so sehr, dass eine achtsame Rückschau der Entscheider auf die Wochen mit Corona und insbesondere in 14 Tagen auf die Zeit der ersten Schulöffnungen eine weitere Lockerung ermöglicht. Damit unsere Kinder sich wieder lösen dürfen aus dem engen häuslichen Umfeld. Damit wir wieder unbeschwerter leben dürfen.

Statt ‚7 Wochen Ohne‘ sind’s jetzt ‚7 Wochen mit‘ – mit Corona. Den versprochenen Beitrag zur Fastenaktion kann ich nicht liefern. Wir haben nicht gefastet, sondern in Vielem genau Gegenteiliges getan. Das war nicht der Plan, ist aber das ungeschönte Ergebnis. Vielleicht haben wir Konsum gefastet, von allem etwas weniger war und ist es ja doch, gezwungenermaßen. Sobald ich merke, dass mein Pragmatismus es zulässt, werden wir von Neuem beginnen und unseren ökologischen Fußabdruck optimieren. Ich schäme mich sehr dafür, doch wenn ich ehrlich bin, gilt folgendes: Ich schaffe es jetzt einfach nicht, weitere Stellschrauben zu drehen. Der Umweltaspekt muss warten. Das ist bitter, aber wahr. Doch ich bleibe zuversichtlich, dass es eine Nach-Corona-Zeit geben wird.

Mein Traum geht so: All‘ das Gute, das Corona uns gelehrt hat, den eigenen Pragmatismus ebenso wie die engeren Familienbande, den Verzicht und die Entschleunigung genauso wie die digitalen Kompetenzen und Vieles andere mehr, können wir bewahren und in die neue Zeit wirken lassen. Mit dieser Kraft gehen wir dann alte und neue Herausforderungen an. Und wissen uns dabei geborgen in Gottes Hand.

Kathrin Fechner
Kathrin Fechner
fressbefreit@gmail.com

Kathrin Fechner ist Rheinländerin in Stuttgart, außerdem leidenschaftliche Schreiberin zu vielen Themen, die sich insbesondere aus ihrem turbulenten Familienleben mit 3 pubertierenden Söhnen, ihrer Sportbegeisterung und ihrer persönlichen Gesundheitsbiografie ergeben. Über letztere schreibt sie unregelmäßig regelmäßig in ihrem blog „fressbefreit“. Kathrin leistet glücklich Hintergrundarbeit im kirchlichen Dienst.

1 Kommentar
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    Sonja Steinmaier-Berner
    Veröffentlicht um 12:26h, 04 Mai Antworten

    Alles Gute Euch weiterhin, liebe Kathrin!!

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