Weder eine Phase noch Entscheidungsunfähigkeit

Bisexuelle Menschen erleben viel Ausgrenzung einerseits und haben andererseits das Potenzial vielfältig zu lieben. Ein Kommentar von Tamara Tamke.

„Ach du scheiße“, war die Antwort meines Bruders, als ich mich in meiner Familie als bisexuell outete. Es tat weh und tut bis heute weh. Nie wieder habe ich mit ihm über meine Beziehungen zu Frauen gesprochen. Ich hatte bis dahin Liebesbeziehungen nur mit Männern gehabt, eine davon war sehr lang, über zehn Jahre. Mein damaliger Partner hatte gewusst, dass ich auch auf Frauen stehe, aber ich selbst hatte mein bisexuelles Begehren vergraben, denn die Beziehung mit ihm war monogam. Und irgendwie hatte ich mir auch gewünscht, dass es sich erledigt hätte. Hetero wäre ja viel einfacher, unauffälliger.

Doch als mit meinem Ex Schluss war, verliebte ich mich in eine Frau. Zwar war zwischen uns nur ein Kuss auf der Tanzfläche, doch es sollte die Zeit meines Coming-outs werden. Ich war Mitte Dreißig und immerhin schon lange in queer-feministischen Kreisen, so dass es mir zumindest in der Szene leichtfiel, darüber zu reden. Ganz anders jedoch in der Familie und auf der Arbeit.

Zusammen mit meiner späteren Partnerin, die ich in meiner Familie nur einmal zu erwähnen wagte, gründete ich eine Bi-Gruppe in meiner Stadt. Und auf einmal strömten da viele Menschen zu uns, die alle das Bedürfnis hatten, sich darüber auszutauschen, dass sie weder homo- noch heterosexuell sind. Fast alle hatten ähnliche Erfahrungen gemacht: weder in der queeren Szene richtig akzeptiert noch in der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft angesehen zu sein.

Viele kannten die Aussage „das geht vorüber“, denn Bisexualität wird von vielen Menschen als Phase gedeutet: die Zeit, bevor man sich dann als hetero- oder homosexuell identifiziert. Ist es aber nicht, denn Bisexualität ist eine eigenständige sexuelle Orientierung, die bleibt, kommt, oder geht so wie alle anderen auch. Sprüche wie „ein bisschen bi schadet nie“ bagatellisieren zudem die Lebensrealitäten von bi Menschen, die oft zumindest zeitweise von Selbstverleugnung, dem Gefühl von Beziehungsunfähigkeit und Unvollkommenheit sowie Ausgrenzungserfahrungen durchzogen sind.

Mittlerweile bin ich in meinem ganzen Freundeskreis geoutet und auch in meiner Kirchengemeinde. Mit der Familie aber ist es immer noch schwierig. Ich denke, je jünger man beim Coming-out ist, desto einfacher ist es. Viele Jugendliche und junge Erwachsene heute stehen ganz selbstverständlich zu ihrer bisexuellen Orientierung. Das ist eine positive Entwicklung der letzten Jahre, wo auch immer mehr Prominente sich als bi outen, wie z.B. Miley Cyrus oder Kristen Stewart.

Trotzdem wissen die meisten Menschen noch wenig über Bisexualität, etwa auch nicht, dass sie viele Formen hat. Die Bi-Aktivistin Robyn Ochs erklärt das so: „I call myself bisexual because I acknowledge that I have in myself the potential to be attracted – romantically and/or sexually – to people of more than one gender, not necessarily at the same time, not necessarily in the same way, and not necessarily to the same degree.”

Um dem Vorurteil entgegenzuwirken, dass Bisexuelle nicht „treu“ sein können: Manche Bis leben monogam, manche polyamor, manche sind Singles – keine Besonderheit also. Bisexualität meint auch nicht unbedingt nur Männer und Frauen: Ich zum Beispiel verliebe mich nicht in das Geschlecht, sondern in die Person. Ich hatte auch schon eine Beziehung mit einer intergeschlechtlichen Person und war verliebt in eine transidente Person. Mit Körpern, die jenseits der Einseitigkeit von männlich oder weiblich sind, habe ich kein Problem – wahrscheinlich dank meiner bisexuellen (queeren) Orientierung.

Viele bisexuelle Frauen sind damit konfrontiert, dass sie sexualisiert und pornografisiert werden. Beim Ausgehen lache ich mittlerweile nur noch über die allzu erwartbaren Ansagen von geifernden Männern: „Geil, ich wollt schon immer mal ‘n Dreier mit zwei Frauen.“ Dann sag ich freundlich und deutlich: „Meine Bisexualität hat nichts mit deinen Porno-Fantasien zu tun.“ Denn wenn ich mit einer Frau im Bett bin, hat da kein Mann was zu melden.

Tamara Tamke schreibt und lehrt über queere und feministische Themen.

Gastautorin
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efw@elk-wue.de

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