Fast Fashion in einer gerechten Welt?

Heute vor sieben Jahren stürzte die Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch ein. Über die Hälfte der 5.000 Arbeiterinnen und Arbeiter verloren dabei ihr Leben oder wurden schwer verletzt. Familien wurden zerstört, Existenzen bedroht. Dieses tragische Unglück schockierte die Welt. Forderungen nach Arbeits- und Umweltschutzmaßnahmen, fairer Entlohnung und gewerkschaftlichen Rechten wurden laut. Aktuell erschüttert die Corona-Krise die Arbeiterinnen und Arbeiter dieser Zulieferfirmen. Aufträge werden durch die einzelnen Modemarken storniert, bereits fertiggestellte Kleidung nicht mehr abgeholt oder bezahlt. Zu den ohnehin schon schlechten Gesundheitsbedingungen in Bangladesch, Kambodscha oder Indien kommt nun also auch noch extreme wirtschaftliche Not hinzu.

Mitten im Schulabschluss, mitten in der Pubertät und mitten im Erwachsen-sein-Wollen habe ich natürlich von dem Rana-Plaza-Unglück erfahren, und doch keine Konsequenzen daraus geschlossen. Ich ging weiterhin mit Freundinnen zum Shoppen. Wenn es uns gut ging als Belohnung, wenn es uns schlecht ging gegen den Frust. Wir kauften uns schöne Erlebnisse, wir kauften uns ein besseres Ich. Denn mit der zerrissenen Jeans wirke ich viel sportlicher und lässiger, mit dem Blazer reifer und älter. Je nachdem, wie oder wer ich gerade sein möchte. Kleider machen schließlich Leute! Außerdem gibt es mittlerweile fast wöchentlich einen neuen Trend in der Modewelt, der uns zu neuen Käufen auffordert. „Fast Fashion“ ist das Stichwort: schnell verfügbare, schnell wechselnde, sehr günstige Kleidung. Faire Arbeitsbedingungen und Umweltschutz können dabei kaum eine echte Rolle spielen.

Und heute? Heute hoffe ich, tatsächlich ein bisschen reifer geworden zu sein. Täglich – auch ohne Blazer. Denn ich frage mich, wie dieser machtvolle Industriezweig im Jahr 2020 immer noch so arbeiten kann. Wo ist hier die Gerechtigkeit Gottes spürbar? Mir hilft bei diesen unangenehmen und selbstkritischen Gedanken die Bergpredigt weiter: Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. […] Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? […] Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. (Mt. 6, 28.29.31.33) Die Fragen nach alltäglichen Bedürfnissen werden ins Verhältnis zum Gesamten, zum Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit gestellt. Schnell wird klar, worauf es wirklich ankommt. Nicht das neuste T-Shirt zählt, sondern die Gerechtigkeit durch und die Dankbarkeit für das Reich Gottes. Ein gerechter Modekonsum zahlt faire Arbeitsbedingungen. Ein gerechter Modekonsum achtet auch Bioqualität und Ressourcenschonung. Ein gerechter Modekonsum reflektiert kritisch den eigenen Kleiderschrank:

  • Was ziehe ich überhaupt gerne an?
  • Brauche ich wirklich ein neues Kleidungsstück?
  • Wenn ja, muss ich es wirklich neu kaufen oder bekomme ich es auch Second Hand? Beispielsweise von einer Freundin, über Kleiderkreisel, bei einer Tauschparty oder einer Kleiderkammer?
  • Wenn ich neu einkaufe, achte ich auf Gütesiegel, wie etwa Fair Wear oder GOTS?
    Ein gerechter Modekonsum wandelt Fast Fashion in Slow Fashion.

Vanessa Lang, Referentin Kirche und Gesellschaft, EFW
Gastautorin
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efw@elk-wue.de

Hier im Blog schreiben immer wieder verschiedene Autorinnen aus dem Umfeld von EFW. Wir freuen uns sehr über Beiträge.

1 Kommentar
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    Lore Raudonat
    Veröffentlicht um 17:33h, 23 April Antworten

    Vielen Dank für diesen eindrücklichen Text!
    Danke für die Ermutigung, auf dem Weg der Slow Fashion zu bleiben!

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