Klimafasten Woche 6: Ein Leben ohne Seidenstrümpfe?

Quo vadis Strumpf- und Frauenmode?

Ein unermessliches Arsenal an einzelnen, übriggebliebenen Nylonstrümpfen erwartet mich, sobald ich meine Strumpfschublade öffne. Das ist mein persönliches Plastikgrab. Es ist schon erstaunlich: bei jedem neuen Paar reißt am ersten Tag einer ein. Einige kann ich ohne optischen Schaden verhältnismäßig lange tragen, aber: es fühlt sich nicht wirklich gut an, wenn der Zeh durch das Loch rutscht und das Gewebe spannt. Mit der Zeit lädt die Ansammlung von Einzelstrümpfen ein, sie miteinander zu kombinieren. Aber das wird zur Herausforderung: die Farbnuancen stimmen nicht ganz, die Spannkraft ist unterschiedlich. Zusammengestückelt sieht man eben. Manchmal erfordert der Arbeitsalltag geordneten Chic, andere Tage sind da gnädiger.

Ich habe die Nase voll. Irgendwo kursiert in meinem Kopf die alte Mär, dass Nylonstrümpfe mal nahezu reißfest waren und dass sie aus kommerziellen Gründen reißfreundlich gestaltet wurden. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich finde auch nichts, was diese alte Information tatsächlich deckt.

Aber: ich frage mich natürlich, warum ich so selbstverständlich Teil dieser unendlichen Plastikmüllproduktionskette bin? Und weil Männer ja in der Regel eher weniger Nylonstrümpfe tragen, ist es auch noch ein sehr frauenspezifisches Plastikgrab.

Warum mache ich das eigentlich? Und warum habe ich bisher noch nie darüber nachgedacht, es zu lassen?

In meiner Erinnerung taucht eine Freundin meiner Mutter auf, die Nylonstrümpfe auf der Haut nie ertrug. Weil aber der Rock in den 50-er und 60-er Jahren immer erwartete Bürokleidung  war, war sie sommers wie winters (solche Winter, die den Namen noch verdienten) mit Faltenrock, unbestrumpften Beinen und zumeist barfuß in Pumps unterwegs. Während ich schon bei der Vorstellung erste Anzeichen von Schnupfen spüre, war sie die abgehärtetste Frau, die ich kannte. Selbst den Hosenanzug ergänzt die Damenmode durch filigranes Schuhwerk, in dem auch feine Stricksocken gelinde gesagt mäßig aussehen. Irgendwie scheint am besten immer etwas Verlockendes sichtbar sein zu müssen. Naja.

Im Mittelalter gehörten Frauenbeine und -füße – man glaube und staune – zum Intimbereich und wurden verhüllt und versteckt. Dafür wurden – die Rüstungen machten es nötig – die Männerröcke so kurz und ihre Strümpfe so enganliegend, dass sie nicht mehr „Schamteile noch den Hintern bedecken“. Die Männer entdeckten ihre Körperlichkeit und ließen sie sehen. Die so als schamlos erlebte Kleidung sorgte spannender Weise für städtische Kleiderregelungen.

Seit der Erfindung der Nylonstrümpfe in den 40-er Jahren sind es jetzt die Frauen, die Bein zeigen wollen, sollen oder es schlicht ohne zu erfrieren auch können und damit die Männerphantasie in Schwung halten. Nylon, Pantys und möglichst hohe Schuhe sind Stars der Erotikkleidungsbranche.

Schöne finde ich Nylons auch, trotzdem gibt es für mich viel zu viele natürliche Alltagsfeinde: ganz vorne meine 20 Nägel, jeder einzelne kann täglich der Anfang vom Ende bedeuten. Dann alle Ecken und Kanten des Alltags, wie Stuhl- und Tischkanten, insbesondere die aus Holz oder die Reißverschlüsse meiner Schuhe. Das Ganze nötigt mich zu einer gezierten Bewegungspraxis, die ich natürlich als damenhaft bezeichnen kann. Ich bewundere alle Geschlechtsgenossinnen, wenn sie Tempo und praktisches Multitasking im Familien- und Berufsalltag mit Damenhaftigkeit verbinden können – ohne zweimal täglich die Strümpfe wechseln zu müssen. Laufmaschen finde ich nämlich auch ziemlich hässlich. Aber mir gelingt das nicht.

Und so stehe ich wieder ratlos vor meiner Strümpfekiste, einer großen Ansammlung von verwitweten Einzelstrümpfen oder angezählten Strumpfhosen und frage mich, ob es nicht auch gute Alternativen geben könnte. Gut heißt für mich, tragbar, durchaus schön und ansprechend, verpackungsarm, möglichst öko und fair. Gar nicht so einfach. Die meisten günstigen Socken haben auch einen Kunststoffanteil, der ja nur selten aus recyceltem Material hergestellt wird. Im Eine-Welt-Laden finde ich lustige Socken aus Hanf, Größenspielraum: 37-41. Echt schöne Designs, aber mit Schuhgröße 36/37 läppern diese Socken schon mit frisch gekaufter Spannkraft um meinen Fuß. Für den Alltag ist das okay, ordentlich am Fuß ist was anderes. Das erste Paar wird leider schon fadenscheinig, andere scheinen robuster zu sein. Besser sitzen die reinen Wollsocken in Feinstrick. Ich habe den Vorteil, einen Laden für bio-faire Mode in der Nähe zu haben, aber auch dort zahle ich mindestens 7 € für ein paar Socken und auch dort ist die kleinste Größe eine 37. Wer soll sich das auf Dauer oder gar für eine ganze Familie denn leisten?

Also: quo vadis Strumpf- und Frauenmode? Wer hat denn da Tipps für mich?

Foto by freestockgallery

Dina Maria Dierssen
dina.maria.dierssen@elk-wue.de

Dina Maria Dierssen ist 48 Jahre alt. Sie ist Mutter einer 11jährigen Tochter und eines 14jährigen Sohnes, die sie neben der vollen Stelle gut auf Trab halten. Seit 1996 ist sie in der evangelischen Frauenbildungsarbeit unterwegs: zunächst im Kirchenkreis Wetzlar-Braunfels und seit 1999 in Württemberg. Seit 2014 hat sie die Leitung der Evangelischen Frauen in Württemberg (EFW). Wenn ihr etwas Luft bleibt, packt sie hin und wieder ihre Flöte aus. Ihre musikalische Kirchengemeinde macht´s möglich.

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