Frauen, Mütter, Töchter & Corona: ein FrauenBlog

Zwischen „Betet für uns“ & Homeoffice auf dem Spielteppich: Die COVID-19-Pandemie stellt den Frauenalltag auf den Kopf, persönlich und beruflich. Wir erleben Grenzen und neue Möglichkeiten, Mut und Verzweiflung, Einsamkeit und Solidarität. Aber unser Blick verengt sich auch: rechts und links von Corona scheint es nur noch wenig zu geben. Die häusliche Isolation und die Konzentration der Nachrichten lassen das Geschehen jenseits von Grenzen und unsere anderen weltweiten Herausforderungen aus dem Blick geraten. Schon die Frauen jenseits der deutschen Grenze oder die Frauen auf der Flucht, in Kriegs- und Krisengebieten, fast sind sie uns entschwunden. Eine besondere Ausprägung der Globalisierung macht unsere Alltagswelt sehr klein.

Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns!

Teilen Sie Ihre Alltagserfahrungen und Eindrücke, Gedanken und Gefühle auf dem EFW-Blog „Frausein heute“.  Ob Sie zum medizinischen Fachpersonal oder als Reinigungskraft zu hygienerelevanten Berufen gehören. Ob Sie alleinlebend mit neuen Formen der Einsamkeit konfrontiert sind, sich auf engem Raum mit der Familie organisieren müssen oder sich sorgen, wie es Ihren Angehörigen in stationären Einrichtungen geht. Ob Sie sich als berufstätige Mutter mit und ohne Homeoffice in einer neuen Situation mit den Kindern befinden, als alleinerziehende Mutter auch vor den aktuellen Herausforderungen allein stehen oder als Mutter Kindern mit besonderer Herausforderung betreuen. Ob Sie als Führungskraft vor schwierigen Entscheidungen stehen, als Selbstständige um Ihre Existenz ringen oder vieles andere mehr: Unser aller Leben steht unter neuen Vorzeichen, die uns bewegen. Teilen Sie Ihre persönliche Realität – im Text oder als Handy-Video.

“Ja wir beten für euch”

Im Moment klatschen wir. Jeden Abend. Machen wir uns aber bitte dabei bewusst, dass die Situation einen gesellschaftlichen Dauerbrenner in den Blick rückt, an dem sich Frauen seit vielen Jahrzehnten die Zähne ausbeißen. Es sollte also nicht beim Klatschen bleiben, denn es wird deutlich, wie systemrelevant die leider viel zu häufig niedrig entlohnte Arbeit von Frauen ist: als Kranken- und Altenpflegerinnen in der stationären und ambulanten Pflege, als Erzieherinnen, als Verkäuferinnen im Lebensmittelhandel oder Arzthelferinnen sind sie täglich einer Infektionsgefahr ausgesetzt, der wir anderen uns allzu gerne entziehen. Es ist dringend Zeit zu hinterfragen, ob uns ein Gesundheitswesen guttut, dass aus vermeintlichen Wirtschaftlichkeitsgründen Fachkräftemangel provoziert, durch Rahmenbedingungen Fachkräfte dauerhaft überfordert, ausbeutet und demotiviert und auf Kompensation durch Care- oder Reinigungs-Migrantinnen setzt, insbesondere auch in der häuslichen Pflege und Betreuung. Wenn es darauf ankommt, wie jetzt, brauchen wir gerade sie: diejenigen, die für Hygiene sorgen und die sich dem Leid und der Fürsorge gut ausgebildet annehmen wollen, auch und gerade in schwierigen Situationen, weil sie sich professionell und gut geschützt bewegen können. Jana Anzliger hat in der Süddeutschen Zeitung einen hervorragenden Artikel geschrieben, der diese und andere frauenspezifische Fragen dezidiert aufgreift. „Betet für uns“, diese am Telefon ausgesprochen Bitte aus der Altenpflege hat uns in der mittlerweile bald vollständig virtuellen EFW-Landesgeschäftsstelle sehr berührt. Ja, wir beten für euch. Was können wir noch für euch tun? Oder was können wir miteinander bewegen?

Erwerbsarbeit ist existenzsichernd

Aber wir sind nicht nur im beruflichen Sektor relevant. Wenn Kindertageseinrichtungen, Schulen und Mittagsverpflegungen schließen, werden Frauen wieder gefragt als häusliche Ersatzlehrkräfte, Reinigungskräfte, Köchinnen, Freizeit- und Bewegungsmanagerinnen. Als Elternvertrerinnen koordinieren wir mit den Klassenlehrer*innen die Lehrkommunikation, wir organisieren oder problematisieren Ausstattungsfragen: Längst nicht alle haben einen Drucker oder CD-Player zuhause und Copy-Shops sind zu. Wie bearbeiten die Kids also Arbeitsblätter und welche Anforderungen können an geringverdienende Familien überhaupt gestellt werden? Welche Lernbedingungen herrschen in engen Wohnverhältnissen?

Erstmalig erleben wir hier und dort eine berufliche Freistellung für Kinderbetreuung. Erwerbseinkommen ist eben existenzsichernd. Häusliche Tätigkeit auch.

Wie organisiere ich meinen Alltag in der Krise?

Homeoffice ist eine feine Möglichkeit. Aber ein Tag in der Woche ist etwas anderes als Vollzeit am Küchentisch zu arbeiten. Viele Haushalte sind nicht eingerichtet für einen weiteren Arbeitsplatz. Es gibt keinen geräumigen Schreibtisch oder rückenschonenden Bürostuhl. Das Telefon klingelt beruflich und privat auf dem Esstisch um die Wette. Kinder – je kleiner, umso mehr – verstehen nicht, dass ihre dringlichen Fragen, Freuden und Sorgen bei Mama und Papa nicht sofort Platz finden, obwohl sie doch da sind. Störungsfrei ist anders. Die eigene tatsächliche Arbeitszeit zu messen, ist eine Herausforderung. Jedes Telefonmeeting unter Umständen eine Nervenprobe, wenn unsere Vorstellung von professioneller Trennung von Familie und Beruf nicht zu halten ist. Bei alleinerziehenden Frauen verschärft es sich noch einmal. Bisher ist es uns Frauen (weitestgehend) gelungen, jeder Rolle ein Zeitfenster zuzuweisen. Jetzt greifen alle Rollen auf den gleichen Raum und die gleiche Zeit zu. Wie organisiere ich das in mir selbst?

Aber vergessen wir bei alldem nicht diejenigen Mütter, die jetzt ihre behinderten, beeinträchtigten oder chronisch kranken Kinder wieder zuhause betreuen, weil auch die Sonderschulen geschlossen sind. Oder diejenigen Mütter, für die Muttersein eine Herausforderung ist, weil sie selber beeinträchtigt sind und denen die tägliche Entlastung wegbricht. Was bedeutet die Situation für Flüchtlingsfrauen mit ihren Familien?

Als Gebärende werde ich frühstmöglich aus dem Krankenhaus entlassen. Als Töchter und Enkelinnen sollen wir unsere älteren Familienangehörigen möglichst nicht mehr besuchen. Als Großmütter die Enkel nicht mehr sehen. Als Freundinnen können wir uns nur noch bedingt in schweren Krankheitssituationen begleiten.

Reden über eine Situation, die Angst auslöst

Und mal abgesehen davon: Wie reden wir mit unseren Kindern über die Angst, die die Situation auslöst – auch bei uns selbst? Wie erklären wir das notwendigerweise veränderte Sozialverhalten, ohne damit Angst zu erzeugen?

Eine Situation, in der menschliche Nähe, Seelsorge und Sterbebegleitung wegen unzureichendem Infektionsschutz quasi ausgesetzt werden müssen, kann ich mir kaum vorstellen. Würde ich am Bett meiner sterbenden Mutter sitzen dürfen, wie es mir bei meinem Vater vergönnt war? Was bedeutet es für uns, online Trauergespräche zu führen und still zu beerdigen, statt den Raum für Begegnung und Erinnerung mit vielen liebgewordenen Menschen zu öffnen?

Was kann uns helfen und was täte uns gut?

Wie leben wir mit all dem? Was vermissen wir? Was kann uns helfen und täte uns gut?

Die allgemeine Infektionslage stellt Fragen an unsere Gesellschaft und an uns selbst.

Unser Blog lädt ein, Fragen zu stellen und Erlebtes zu teilen. Sie können dies über unsere Facebook-Seite direkt tun oder uns Blogbeiträge schicken unter: efw@elk-wue.de.

Vielen Dank!

Foto: Pixabay, Public Domain

Dina Maria Dierssen
Dina Maria Dierssen
dina.maria.dierssen@elk-wue.de

Dina Maria Dierssen ist 48 Jahre alt. Sie ist Mutter einer 11jährigen Tochter und eines 14jährigen Sohnes, die sie neben der vollen Stelle gut auf Trab halten. Seit 1996 ist sie in der evangelischen Frauenbildungsarbeit unterwegs: zunächst im Kirchenkreis Wetzlar-Braunfels und seit 1999 in Württemberg. Seit 2014 hat sie die Leitung der Evangelischen Frauen in Württemberg (EFW). Wenn ihr etwas Luft bleibt, packt sie hin und wieder ihre Flöte aus. Ihre musikalische Kirchengemeinde macht´s möglich.

1 Kommentar
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    Martina Tenzer
    Veröffentlicht um 12:18h, 20 April Antworten

    Hallo, ich bin Erzieherin und momentan freigestellt und im Homeoffice. Die Arbeit mit den Kindern und mein Team fehlt mir. Aber die Wochen vor der Schließung waren sehr angespannt. Meine Tochter war auf Reisen in Südamerika und es war unklar, ob und wann sie mit ihrem Freund wieder zuhause sein wird. In dieser Zeit, wurden mein Mann und ich das erste Mal Omi und Opi, aber wir konnten unseren Enkel nicht besuchen. Also emotional war es eine aufregende Zeit. Nun arbeitet mein Mann und wir drei Frauen sind den tagsüber daheim. Ich bin dankbar dafür dass meine Tochter wohlbehalten daheim angekommen ist. Und wir haben ein gesundes Enkelkind. Das gibt mir Kraft und Freude, Hoffnung und ein gutes Gefühl in mir. Herzliche Grüße, Martina Tenzer.

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