Ich kann Babys wickeln und Schweine impfen – die Arbeit als Familienpflegerin

Zu den Evangelischen Frauen in Württemberg gehört auch das Evangelische Familienpflegerinnen und Dorfhelferinnenwerk FDHW. In unserem Blog schreibt heute Doris Häfner über ihre Arbeit als „Haushaltshilfe“ in Familien in besonderen Lebenssituationen. Sie ist seit 1989 als Dorfhelferin bei FDHW angestellt. Doris Häfner sagt: „Dieser Bericht soll Frauen und Familien ermutigen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und der Bericht soll Frauen ermutigen, vielleicht den Beruf als Familienpflegerin für sich zu entdecken.“

Der erste Kontakt führt oft schon zu Entspannung

„Guten Tag! Ich bin die Hilfe, die ab Montag zu ihnen kommt, um sie zu unterstützen.“ So, oder so ähnlich habe ich diesen Satz in den letzten 30 Jahren schon oft am Telefon ausgesprochen. Es ist meist der erste Kontakt zwischen mir und den Familien. Spannend … immer wieder aufs Neue! Auch für die Familien ist es spannend. Für viele ist es das erste Mal, dass sie eine „Haushaltshilfe“, wie es im Gesetzestext heißt, bekommen. Oder sie haben schon Erfahrung, kennen mich aber persönlich noch nicht.
Ganz oft erlebe ich bei mir – und ich meine es auch bei den Familien zu spüren – eine relative Entspannung nach dem ersten persönlichen Kontakt. In unserem Erstgespräch klären und dokumentieren wir schon einiges. Wir treffen die wichtigen Absprachen zu den Kindern, zur Haushaltsführung und klären, welche Termine anstehen, welche Kontakte ich für eventuelle Fragen benötige und ähnliches. In landwirtschaftlichen Einsätzen kommt dann noch die Arbeit auf dem Hof und im Stall dazu.

Ein „Fremde“ schmeißt von Null auf Hundert den Haushalt

Aber dann … Eine „Fremde“ soll in der Familie, quasi von Null auf Hundert, die Kinder betreuen und den Haushalt schmeißen? Und das evtl. in einem Haushalt, der durch schon länger andauernde Krankheit nicht ganz „auf Stand“ ist?! Wie soll das gehen und wie peinlich! So denken es sicher viele Familien, wenn sie die „Haushaltshilfe“ beantragt haben und ich mich bei ihnen melde. Und ich kann Euch ganz von Herzen sagen: „Ich bin ganz bei Euch, liebe Frauen, die ihr schon einmal eine Haushaltshilfe hattet. Ich glaube, wenn ich auf Eurer Seite stehen würde, hätte ich ähnliche Gedanken und Befürchtungen.“

Gottvertrauen und gute Selbstfürsorge sind wichtig für die Arbeit

Für mich ist eine Familie in einer Ausnahmesituation oder Notlage aber Berufsalltag und „normal.“ Natürlich sind auch für mich ein tragischer Unfall oder eine schlimme Diagnose, die die Familien durschütteln, auch nach 30 Jahren nicht „normal“. Aber ich habe gelernt mit einer Mischung aus Professionalität und trotzdem einer guten Portion Empathie an die Familien heran zu gehen. Was nicht immer heißt, dass ich diese Mischung so schaffe, wie ich es mir wünsche. Auch ich musste schon erleben, dass es mir selbst als Helferin zu viel wurde. In solchen Situationen sind eine gute Selbstfürsorge, Supervision, eine verständnisvolle Einsatz- und Geschäftsleitung genauso wichtig wie ein stabiles privates Umfeld und Gottvertrauen. Nur so ist ein gutes Arbeiten mit einem gesunden Ausgleich zwischen Empathie und Abgrenzung möglich.

Auch die Familienpflegerin lernt von den Familien

Es ist für mich immer wieder schön, in den verschiedenen Familien so nah mit Menschen zusammen zu arbeiten. Eine große Vielfalt von unterschiedlichsten Persönlichkeiten begegnet mir. Ich bekomme einen unglaublich großen Schatz an Erfahrungen und Wissen aus den unterschiedlichsten Bereichen! Ich kann Kinder betreuen, Kühe melken, Babys wickeln, Schweine impfen, fremde Haushalte führen, lerne „nebenbei“ etwas über equadorianische, indonesische, türkische, vietnamesische Küche und Kultur … und vieles mehr. Man lernt nie aus!

Die Hilfe, die ich bekomme, wiegt alles auf

In den allermeisten Familien werde ich zwar Anfangs durchaus mit leichter Skepsis, aber doch gut und oft herzlich aufgenommen. Für sie ist es eine sehr ungewohnte Situation. „Die Familienpflegerin bekommt alles mit“, sagte mir einmal eine Einsatzfrau auf die Frage, wie es so für sie sei, acht Stunden am Tag jemand um sich zu haben. „Sie sehen mich ungewaschen und evtl. schlecht gelaunt, meinen Haushalt unzulänglich geführt. Sie hören, wenn ich telefoniere… Da muss man sich dran gewöhnen. Aber die Hilfe, die ich bekomme wiegt das alles auf“. Wir stehen übrigens selbstverständlich unter Schweigepflicht.

Selbst gemalte Bilder, bunte Fotos – ein Schatz an Erinnerungen

Für mich ist die Wertschätzung, die ich immer wieder durch die Familien erfahre, eine große Motivation, diesen Beruf weiter auszuüben. Wenn ich mal wieder einen Motivationsschub brauche, nehme ich meine Erinnerungskiste. Ich schaue mir viele bunte Fotos, gemalte Kinderbilder und sonstig Erinnerungsstücke an, die mir von den Familien, meist zum Abschied, geschenkt wurden.  Dann kann ich auch an einem der nächsten Freitage wieder frohen Mutes sagen: „Guten Tag! Ich bin die Hilfe, die ab Montag zu ihnen kommt, um sie zu unterstützen.“

Doris Häfner, Familienpflegerin

Gastautorin
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efw@elk-wue.de

Hier im Blog schreiben immer wieder verschiedene Autorinnen aus dem Umfeld von EFW. Wir freuen uns sehr über Beiträge.

1 Kommentar
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    edeltraud ziereisen
    Veröffentlicht um 15:57h, 11 März Antworten

    Toller Beitrag. Genau so ist es.
    Ich hatte auch schon eine Familienhelferin und ich bewundere deren Spontanität und Ausdauer, viele Arbeiten und Probleme tagtäglich aufs Neue zu meistern. Danke für alles was Sie leisten, Bitte weiter so.

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