Über das Kranksein

Hilfe-Annehmen ist schön! Eine Erkenntnis in der Not.

Über das Kranksein und den Weg zu der Erkenntnis, dass nur Um-Hilfe-Bitten dazu führt, dass das Hilfe-Annehmen schön sein kann.

Ein Sturz, in der Folge eine Kopfverletzung und eine kaputte Schulter. Ich war krank. Nicht lebensbedrohlich, zum Glück, aber doch für eine Woche komplett ausgeschaltet, in der Folgewoche dann Tag für Tag wieder aufrechter. Und inzwischen endlich gesund. Alles ging sehr langsam, Alltäglichkeiten waren beschwerlich.

Das klingt so abgeklärt, ist es aber erst im Nachhinein. Es war Freitagabend, mein letzter Arbeitstag vor dem Urlaub und einfach sehr, sehr viel zu tun. Ehrlich gesagt, bin ich sofort wieder unterwegs gewesen, habe Wäsche gewaschen und Essen gekocht, ein Gartenfest und die Familienreise vorbereitet. Einfach weiter gemacht wie immer. Nur mit ein paar Schmerztabletten.

Bis mein Hirn endlich begriffen hat: Kathrin, Du bist krank. Du musst zum Arzt. Dein Kopf und der Rest ist auch nicht in Ordnung. Da ging es mir schon ziemlich elend und die Ärztin zog mich mahnend aus dem Verkehr. Ich verstand, dass ich besser sofort mein Tempo reduzieren sollte.

Mein erstes Mal als Mutter außerhalb des Funktionsmodus. In den Ferien, in meinem Urlaub, über meinen Geburtstag. Ich muss Entscheidungen fällen, und das tue ich dann: Zunächst teile ich meiner Familie mit, dass ich liegen soll und wenig aufstehen darf. Die Söhne und ihr Vater müssen einspringen und machen das auch ganz wunderbar. Dann rufe ich meine Eltern an, denen ich derlei Dinge bisher ungern erzählte, damit sie sich keine Sorgen machen. Doch ich habe beschlossen, nicht mehr heimlich krank zu sein. Anschließend sage ich meine Geburtstagsfeier ab – und das, obwohl es mein erstes eigenes Fest seit vielen Jahren ist (in der Vergangenheit zählten hauptsächlich Kindergeburtstage, Taufen, Oma-und-Opa-Geburtstage, Goldene Hochzeiten, Konfirmation, etc.). Ich ringe sehr mit dieser Entscheidung, sicherlich hätte ich irgendwie die Feier durchgehalten. Aber wäre das schön für mich und meine Gäste gewesen? Ich hätte mich schon sehr verstellen müssen. Was meinem Plan, in Zukunft ehrlich zu mir selbst und zu meinem Umfeld zu sein, doch sehr entgegen stünde. Vielleicht hätte ich aber auch plötzlich in der Wiese gelegen. Die Ärztin hatte schließlich klare Worte gefunden. Kurzum: Ich sage ab und verschiebe um 4 Wochen. Fast erleichtert sinke ich dann auf mein Sofa und merke erst, wie klapprig ich bin.

An meinem Geburtstag stehe ich doch ab und zu auf. Ich habe morgens schnell ein Plakat gemalt und an die Haustür gehängt, das Besuch herein bittet. Eine Freundin backt einen Kuchen und bringt ihn vorbei. Ich werde rundum versorgt und bekomme einen schönen Tag – mit Krankenbesuchen – geschenkt. Ich freue mich insbesondere an diesen Kurzvisiten, und das, obwohl ich nicht aufgeräumt und geputzt habe, obwohl überall Dinge herum stehen für das (verschobene) Gartenfest, obwohl ich nicht gut aussehe, obwohl ich nicht selbst gebacken und gekocht und überhaupt nicht dekoriert habe…

Im Rückblick stelle ich fest, dass ich mich tatsächlich einmal mehr frei gemacht habe von dem Bedürfnis, perfekt zu sein und alles hinzukriegen. Statt dessen habe ich mich mitgeteilt und Notwendigkeiten und Bedürfnisse kommuniziert. Das hat für mich selbst und auch für meine Familie und Freunde für Klarheit gesorgt. So fand die Hilfe ihren Weg und ich konnte sie wiederum gut annehmen, weil ich das Maß selbst bestimmt habe. Eine wertvolle Erkenntnis für das nächste Mal, auf das ich hoffentlich noch eine lange Weile warten darf.

Wobei, auch im Alltag könnte ich hin und wieder durchaus Hilfe gebrauchen. Vielleicht sollte ich dem Gedanken noch ein wenig nachspüren, ob sich diese Klarheit des Krankenlagers in das gesunde Jetzt übertragen ließe… Ganz konkret beispielsweise, indem ich einiges Backen und Vorbereiten für mein Gartenfest auslagere, obwohl es sicherlich Überwindung kosten wird. Ich will dran bleiben. Auch ohne Not.

Kathrin Fechner
Kathrin Fechner
fressbefreit@gmail.com

Kathrin Fechner ist Rheinländerin in Stuttgart, außerdem leidenschaftliche Schreiberin zu vielen Themen, die sich insbesondere aus ihrem turbulenten Familienleben mit 3 pubertierenden Söhnen, ihrer Sportbegeisterung und ihrer persönlichen Gesundheitsbiografie ergeben. Über letztere schreibt sie unregelmäßig regelmäßig in ihrem blog „fressbefreit“. Kathrin leistet glücklich Hintergrundarbeit im kirchlichen Dienst.

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