Offenbarung unter Vielen: Warum mich der Beginn der Freibad-Saison dieses Jahr so besonders erfreut

Warum mich der Beginn der Freibad-Saison dieses Jahr so besonders erfreut. Warum ich einfach mal Joggen gehe. Warum ich so dankbar bin, dass ich so bin wie ich bin mit einem Körper, der so ist wie er ist! Endlich ist es soweit: Die ersten Stuttgarter Freibäder sind seit dem 1. Mai wieder geöffnet. Dieser eine Tag war wunderbar warm und sommerlich sonnig; inzwischen haben Kälte und vereinzelte Regenschauer die Sonne wieder verdrängt. Wir Schwimmerinnen und Schwimmer finden das auch überhaupt nicht schlimm, ist es doch die schönste Zeit im Freibad überhaupt: Umziehen in der geheizten Kabine, nach der kurzen, kalten Dusche mit zusammen gebissenen Zähnen ab ins Wasser, schnelle Züge zum Warmwerden, dann umgeben uns nur noch das frische Wasser und die klare Luft, vielleicht streifen beim Auftauchen Regentropfen die Haut. Die ersten 50 Meter-Bahnen sind noch lang, dann stellt sich meditative Gleichförmigkeit ein, die Gedanken wandern – oder auch nicht, die Stille ist ganz wunderbar. Ab und zu ein Gruß zur Nebenfrau und dem Nebenmann auf der Nachbarbahn, man kennt sich.

Ich bin ich – und doch nicht alleine

Doch was soll daran so besonders sein? Ich bin schon immer Schwimmerin, mein ganzes Leben lang. Bis ich krank wurde und mich nur noch bis zur Brust ins Wasser wagte oder in sackartige T-Shirts gehüllt meinen Söhnen vom Beckenrand aus ihre Bälle zuwarf. Seit wenigen Sommern schwimme ich mich sozusagen frei von Sucht und Zwang; dieses Jahr kehrt das alte, vergessen geglaubte Gefühl zurück: Freiheit im Wasser! Während meine Arme mich Bahn um Bahn durchs Becken ziehen, spüre ich Kraft, mein Körper gleitet leicht durch die Kühle, ich fühle mich total lebendig. Die Schwimmenden zeigen sich in allen Farben und Formen und Größen, auch mit amputierter Brust oder künstlichem Darmausgang. Jede und jeder traut sich, geht ins Wasser oder macht Pause am Beckenrand, schwimmt schnell oder langsam, 100 Meter oder 3.000. Klar, die Erkenntnis ist wirklich nicht neu, doch für mich eine Offenbarung: Im Wasser bewege ich mich als eine unter vielen, ich bin nicht besser oder schlechter, dicker oder dünner, ich bin ich – und doch nicht alleine.

Ich nehme mir die Freiheit, Dinge zu dürfen und nicht zu müssen

Was hat das mit dem Laufen zu tun? Gute Frage, ich glaube, die Antwort ist einfach: Bewegung, Ausdauersport, Fürmichsein, aber nicht alleine sein. Seit einigen Sommern laufe ich mich sozusagen frei von vielem Schweren. Mental musste ich mich erst lösen von vergangenen Erfolgen im Halbmarathon, ich laufe jetzt ohne Zeit-Ziel. Meine Laufgruppe hilft mir dabei. Während meine Beine mich durch Wald und Wiese tragen, spüre ich Energie; jetzt fühle ich auch beim Laufen endlich wieder Freiheit. Freiheit, mir Zeit nehmen, etwas tun zu dürfen, ganz ohne inneren Zwang. Dürfen, nicht müssen. Dabei die Frühlingsdüfte wahrnehmen und den Regen schmecken. Zeit zum Lauschen haben, wie die Schritte auf der weichen Erde federn. Auch hier wieder die Erkenntnis: In meiner Gruppe laufe ich als eine unter vielen, ich bin nicht besser oder schlechter, dicker oder dünner, ich bin ich – und doch nicht alleine. Wir Menschen sind so wunderbar bunt und verschieden. Ich freue mich daran und fühle mich einfach nur wohl!

Ich mache mich frei von dem Gedanken, mich zu perfektionieren

Ich mache mich frei von dem Gedanken, mich zu perfektionieren (wer verlangt denn das von mir – außer mir selbst?). Ich mache mich frei von der Idee, immer schlanker, schneller, leistungsfähiger sein zu müssen (als wer denn überhaupt?). Ich möchte mir die Zeit nehmen für das, was mir gut tut, ohne ständig im Vergleich zu verharren (mit der Illusion der Schönen und Reichen?) oder gefallen zu wollen (ja wem denn nur?). Ich stehe nicht länger in Konkurrenz, das habe ich einfach nicht mehr nötig, sondern: Ich schwimme, weil ich das Wasser liebe. Ich laufe, weil die Bewegung befreit. Das tue ich mit einem Körper, dessen Kraft ich spüren und auf den ich mich (wieder) verlassen kann – für dieses Geschenk bin ich unendlich dankbar! Mein Körper trägt mich sozusagen durchs Leben, so wie er ist: Inzwischen etwas in die Jahre gekommen zwar, hat er schon Vieles gleistet. Ich verstehe langsam: Das ist mein einziger Körper, er ist wertvoll, er ist mir wichtig – und er ist gut so wie er ist. Wenn ich das akzeptieren kann, ist mein Geist frei für anderes.

Kathrin Fechner
Kathrin Fechner
fressbefreit@gmail.com

Kathrin Fechner ist Rheinländerin in Stuttgart, außerdem leidenschaftliche Schreiberin zu vielen Themen, die sich insbesondere aus ihrem turbulenten Familienleben mit 3 pubertierenden Söhnen, ihrer Sportbegeisterung und ihrer persönlichen Gesundheitsbiografie ergeben. Über letztere schreibt sie unregelmäßig regelmäßig in ihrem blog „fressbefreit“. Kathrin leistet glücklich Hintergrundarbeit im kirchlichen Dienst.

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