Frauen, nehmt Euch Wort und Ort! Prälatin Gabriele Arnold beim Interreligiösen Frauenmahl

Beim Interreligiösen Frauenmahl am 31. März im Hospitalhof hat unsere Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold eine wunderbare Rede gehalten. Vielen Dank an Frau Arnold, dass Sie uns die Rede zur Verfügung gestellt hat!

 

Das Format Frauen Mahl ist ein Renner. Es ist eine fast unglaubliche Erfolgsgeschichte. Frauen nehmen sich Ort und Wort. Die Idee dazu hatten Frauen der evangelisch theologischen Fakultät in Marburg. 2011 veranstalteten sie exakt an dem Ort, an dem 1529 lauter Männer, wohl gesetzte Reformatoren zusammen kamen um sich über Unterschiede und Gemeinsamkeiten ihrer Theologie aus zu tauschen ein erstes Frauenmahl. Sie ergriffen Ort und Wort an dem Ort der Jahrhunderte lang nur Männern vorbehalten war. Und so ist es geblieben mit den Frauenmahlen in Gemeinden, bei Kirchentagen, beim Reformationsjubiläum und heute Abend. Frauen nehmen sich Ort und Wort um ihre Sichtweisen, ihre Erkenntnisse und ihre Welt Erfahrung mit anderen Frauen zu teilen. Beim ersten Frauenmahl redete eine Mathematikerin, eine Politikerin, eine Journalistin, eine Intendantin und eine Theologin. 100 Jahre vorher also 1911 als Clara Zetkin zum ersten Mal den internationalen Frauentag propagierte wäre das undenkbar gewesen. Denn alle diese Berufe waren ausschließlich Männern vorbehalten. Allenfalls eine Handvoll mutiger Frauen wagte sich damals an die Universitäten und die wenigen Frauen, die einen Abschluss erhielten und sich im Beruf etablierten wurden von den Nazis und ihrer Mutter Ideologie aus Universität und Büro verjagt. Die Nazis brauchten Mütter und Flakhelferinnen. Seit der zweiten Frauenbewegung in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts lassen wir uns nicht mehr vor schreiben an welchem Ort wir leben und arbeiten und wann wir das Wort ergreifen. Damit machen wir Politik und schaffen gesellschaftliche Realitäten so wie heute Abend. Ein interreligiöses Frauenmahl: Muslimas, Alevitinnen, Jüdinnen und Christinnen sitzen an Tischen und Leben Verständigung und Akzeptanz. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber spätestens seit dem Aufkommen der AfD ist es auch bei uns nicht mehr selbstverständlich. Wir halten heute Abend dagegen und zeigen wir gehören zusammen   Und wir lassen uns nicht den Mund verbieten.

 

Aber wie ist es nun mit der Emanzipation haben wir wirklich seit den sechziger Jahren alles erreicht haben wir freie Ort und freie Wortwahl?

Anlässlich des Internationalen Frauentages erschien in der Stuttgarter Zeitung auf Seite 1 in diesem Jahr ein Leitartikel von Claudia Scholz. die Überschrift lautete: „Feminismus ist überholt” und ich zitiere „heute haben junge Frauen so viele Chancen wie nie zuvor zwischen Hausfrauen Job und Führungsposition zu wechseln”
Ich sehe sie förmlich vor mir all die jungen Frauen die selbstbewusst und heiter mit Baby im Arm und Gucci Täschchen über der Schulter zwischen Wickeltisch und Chefsessel hin und her tänzeln. Außerdem joggen sie fleißig um die Spuren der Schwangerschaft zu tilgen und bringen abends ihren gut gelaunten Hausmännern ein Mon cheri mit. Und weiter schreibt Frau Scholz über die Feministinnen:
„Sie wollen ihre Weiblichkeit und die ganz normalen Frauen unsichtbar machen, keine Röcke, keine Frauen Toiletten, keine nackten Frauen in der Werbung mehr
Vielleicht hätte Frau Scholz mit der Geschäftsführerin der IHK in Ludwigsburg sprechen sollen, die es bitter beklagt, wie viele Frauen eben nicht arbeiten können geschweige denn die Chefetage erklimmen, weil es nach wie vor völlig unzureichende Kinderbetreuung gibt. Oder sie hätte mit dem Vater einer erwachsenen Tochter sprechen sollen, der mir erklärte, er werde jetzt Feminist, da seine promovierte, hoch qualifizierte Tochter eben keinen adäquaten Job bekomme, da sie einen großen Makel habe, sie ist nämlich Mutter. Oder sie hätte meine Freundin fragen sollen nach ihren Erfahrungen als Professorin an der Universität und den Gläsernen Decken. Wie mühsam der Weg der Frauen ist, sehen wir auch in unserer evangelischen Landeskirche von über 52 Dekanen sind nach 50 Jahren Frauen Ordination gerade mal zwölf Frauen und auch das nur weil in den letzten beiden Wochen zwei Frauen gewählt worden sind. Und in der Kirchenleitung sind wir genau zwei, konstant und das seit vielen Jahren. Und bitte schön ich bin Feministin und trage gerne Röcke und bunte Kleider, aber was bitte soll dabei normal oder erstrebenswert sein, wenn magersüchtige Models sich halb nackt auf Plakatwänden räkeln und den Mädchen und jungen Frauen suggerieren nur mit einem BMI von unter 20 sei frau hübsch und den Frauen so die Lust am Frau sein, so wie sie sind vergällen. Feministin zu sein ist heute noch so notwendig wie 1911, denn wir denken ja nicht nur an uns. Wir denken an die Frauen in Indien wo im Jahr 2016 40.000 Vergewaltigungen angezeigt wurden. Wir denken an die kleinen Mädchen in Afrika deren Genitalien brutal verstümmelt werden, wir denken an die Frauen in Saudi-Arabien, die ihre Väter fragen müssen, wenn sie den Unicampus ihrer Frauen Universität verlassen,  wir denken an die Theologinnen in Südkorea die keine Pfarrstellen bekommen und an die Frauen in Eritrea,  die morgens das Wasser auf dem Rücken nach Hause schleppen. Wir denken an die Mädchen und Frauen aus Ost Europa und Afrika, die hier in Stuttgart und in vielen anderen Städten Deutschlands zur Prostitution gezwungen werden. Wir wollen keine Schaufenster reden von Politikern und wir wollen auch keine Blumen am Muttertag und am Frauentag. Wir wollen nicht belächelt werden, aber wir wollen gehört werden, wir wollen Ort und Worte. Wir wollen faire Löhne und gute Kinderbetreuung. Wir wollen Bildung und Karriere Chancen. Wir wollen nachts keine Angst auf der Straße haben und wir wollen keine Rabatte auf Windeln und Putzmittel am Weltfrauentag, sondern eine faire Aufgabenverteilung von Familie und Beruf. Wir wollen das alles für uns, für unsere Töchter und Schwiegertöchter und für unsere Schwestern weltweit. Aber gottseidank sind wir ja nicht allein. Und es ist auch nicht so dass sich nur Frauen für Frauen einsetzen. Schon immer gab es Väter die ihre Töchter unterstützt haben ( und übrigens auch nicht wenige Mütter, die ihre Töchter behindert haben) Und schon immer gab es Ehemänner, die ihre Frauen gefördert haben auf ihrem Weg. Die sie beraten haben und unterstützt und die sich neidlos an ihrem Erfolg gefreut haben. Und es gab immer auch Vorgesetzte die auf die Kompetenz, das Wissen und die Erfahrung von Frauen vertraut und gebaut haben. Und wenn ich an die jungen Männer denke an die Generation die jetzt Verantwortung im Beruf und Familie übernimmt dann sehe ich, dass viele dieser jungen Männer kein Interesse an einer klassischen Rollenverteilung haben. Wir müssen die Rahmenbedingungen verbessern und darauf vertrauen, dass die Frauen ihren Weg machen gemeinsam mit den Männern.

Die evangelischen Frauen in Württemberg  efw wollen das auch, seit 100 Jahren. Schon 100 Jahren sind Sie nicht zufrieden mit dem wie es ist und deswegen gratuliere ich efw ganz herzlich und sage Danke. Gut, dass es euch gibt, danke dass ihr nicht aufgebt und danke für dieses Frauenmahl für Ort und Wort.

 

 

Gastautorin
Gastautorin
efw@elk-wue.de

Hier im Blog schreiben immer wieder verschiedene Autorinnen aus dem Umfeld von EFW. Wir freuen uns sehr über Beiträge.

2 Kommentare
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    Dr. Dorothee Schlegel
    Veröffentlicht um 11:10h, 13 April Antworten

    … was fehlt, ist der Mut, dies vor Ort und zuhause am “Küchentisch” immer wieder einzufordern, von denen, die uns nahestehen. Was fehlt, ist die Solidarität von Frauen, Frauen zu stärken z.B. in Gemeinde- und Stadträten, in Kirchengemeinderäten weniger “brav” zu agieren. Und vor allem selbst immer wieder einen gewaltigen Kratzer in die eigene Schallplattenrillen-Biografie zu machen. Ich bin mir sicher, dass die Emanzipation “von unten” funktioniert, wenn sie wach gehalten wird. “Von oben” etwas zu erwarten, gelingt nur, wenn die Basis dafür auch bereitet ist. Wir müssen uns “Ort und Wort” nehmen – danke für den Impuls!

  • Kathrin Fechner
    Kathrin Fechner
    Veröffentlicht um 09:40h, 05 April Antworten

    Danke für die wunderbare Formulierung: “Frauen, nehmt Euch Ort und Wort!”. Ich werde sie verinnerlichen und mich immer wieder daran erinnern, wie wichtig wir in unserem Frausein sind – und das in allen Lebensbereichen, auch im Beruf. Wir müssen uns nicht unterordnen oder zurück nehmen. Wir dürfen uns trauen, wir dürfen uns Ort und Wort nehmen. DANKE!

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