“Die Folgen der Krise haben uns eingeholt”

Oksana Müller arbeitet in einer der vier Kreisdiakoniestellen der Landeshauptstadt. Die Sozialpädagogin und Transaktionsanalytikerin hat unsere Fragen zu ihrer Arbeit in der Pandemie beantwortet.

Symbolbild: Pixabay, Public Domain.

Frau Müller, wie hat sich Ihre Arbeit seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?

Organisatorisch gibt es einige Veränderungen: wir beraten etwas mehr per Telefon oder Video, der öffentliche Bereich im Kompass ist geschlossen und das Kaffeetrinken zum Überbrücken der Wartezeit fällt weg. Die Beratungen sind nur noch nach vorheriger Terminvereinbarung möglich, wir sind nicht mehr so spontan und flexibel wie früher.

Ich bedauere, dass manche Klient*innen nicht mehr zur Beratung kommen, obwohl ihr Bedarf mit Sicherheit weiter gegeben wäre. Einige der ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die uns seit Jahren begleiten, können uns nicht mehr unterstützen. Das ist unheimlich schade und tut mir im Herzen weh.

Gibt es Beratungs-Anlässe, mit denen Sie durch die Pandemie stärker konfrontiert sind als zuvor? Z.B. mehr Paarkonflikte oder eine Zunahme psychischer Probleme?

Leider mussten und müssen einige von unseren Klienten, die vor der Corona-Pandemie aus eigenen Kräften den Lebensunterhalt bestritten haben, einen aufstockenden oder kompletten Antrag auf ALG II bzw. ALG I stellen. Viele kommen in dem Formular-Dschungel nicht zurecht und brauchen dabei Unterstützung.

Die Anfragen nach Kurberatung steigen: Den Eltern, vor allem den Müttern, geht die Puste aus. Symbolbild: Pixabay, Public Domain

 

In den letzten Wochen nahmen die Anfragen nach Kur-Beratung zu. Was logisch ist – den Eltern, vor allen den Müttern, gehen die Kräfte und Ressourcen aus. Weitere neue Themen sind Vereinsamung und Versicherung und die daraus resultierenden Folgen wie Depressionen und Ängste. Auf einen Platz beim Facharzt oder Psychotherapeuten warten die Menschen oft wochen- oder monatelang, wir können im Rahmen der Krisenintervention schnell Termine anbieten.

Auch Paarkonflikte haben sich im Rahmen der Pandemie verschärft. Ich habe den Eindruck, dass Corona wie ein Verstärker für alle bereits vorhandenen Schwachstellen wirkt. Gab es in einem System (z.B. in der Familie) verdeckte Konflikte, kamen diese während der Krise an die Oberfläche. Oft hat es dabei richtig geknallt. Die gut funktionierenden Systeme haben zwar etwas Zeit für die Umstellung gebraucht, konnten sie aber im Großen und Ganzen gut bewältigen oder sind noch dabei.

Die Doppelbelastung  durch Familie und Beruf hat eine neue Dimension erreicht.  Ich bin seit mittlerweile 13 Jahren in der Beratung von Frauen tätig und stelle immer wieder fest, dass die Hauptverantwortung für die Organisation des Familienalltags bei den Müttern liegt. Homeoffice und parallel stattfindendes Homeschooling sind eine große Herausforderung für berufstätige Mütter. Dass hier die Hauptlast erneut bei den Frauen liegt, spiegelt sich auch in der Beziehung zum Partner wider.

Stellen Sie Unterschiede zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown fest?

Im ersten Lockdown war es auf einmal ganz ruhig, die Welt und unsere Telefone standen still. Dieser Zustand dauerte einige Wochen an. Dann habe ich damit begonnen, meine Klient*innen anzurufen und anzuschreiben: “Hat denn niemand mehr Probleme?” Die Menschen waren darüber zwar zunächst überrascht, dann aber sehr dankbar. In der Zeit habe ich unendlich viele Beratungsgespräche am Telefon geführt.

Den zweiten Lockdown habe ich bei der Arbeit eigentlich nicht bemerkt. Wir nehmen sehr viele Beratungstermine wahr. Die Folgen der Krise haben uns tatsächlich eingeholt.

Was empfehlen Sie den Menschen, um die Belastungen durch und in der Krise besser bewältigen zu können?

Das lässt sich pauschal schwer beantworten, da es sehr darauf ankommt, mit welchen Belastungen die Betroffenen konfrontiert sind. Eltern von Dreijährigen brauchen andere Impulse als Familien mit pubertierenden Kindern. Auch in der Paarberatung sehen die Interventionen je nach Problemlage unterschiedlich aus.

Ruhe bewahren: Das empfiehlt Oksana Müller allen, die sich in der Krise sehr belastet fühlen. Symbolbild: Pixabay, Public Domain

 

Auf jeden Fall empfehle ich in der Krise Ruhe zu bewahren, soweit es geht und sich professionelle Hilfe zu suchen. Und damit nicht zu lange zu warten, damit es vielleicht gar nicht zu einer Krise kommt. Wenn wir ehrlich zu uns sind, wissen oder fühlen wir in der Regel, was in der Beziehung zu uns selbst oder zu unseren Mitmenschen nicht rund läuft. Oft fehlt mehr der Mut, die Dinge zu benennen und Veränderungen anzuregen.

Was würde Ihre Arbeit erleichtern bzw. gibt es eine Forderung an die Verantwortlichen in der Politik?

An die Politik habe ich keine Forderung, weil ich nicht glaube, dass sie meine Forderung interessiert.

Frau Müller, ganz herzlichen Dank für die Antworten auf unsere Fragen!

Die Beratungsstelle in der Stuttgarter Hospitalstraße. Foto: KOMPASS.

Über KOMPASS

Kompass ist einer der vier Kreisdiakoniestellen in Stuttgart und steht allen Menschen in Schwierigkeiten, Krisen und Notlagen mit Rat und Tat zur Verfügung – unabhängig von deren  Alter, Religion oder Geschlecht. Die Schwerpunkte der Tätigkeit sind: Kurberatung, sozialrechtliche Beratung und Lebensberatung. Grundsätzlich ist das Angebot für Menschen gedacht, die in Stuttgart-Mitte leben, Ausnahmen sind aber möglich.

Die Beratungsstelle im Detail:

  • In der Beratung ist Raum für alle Anliegen und Fragen.
  • Breites Spektrum: von Krisenintervention bis zu kurz- und längerfristigen psychosozialen Beratungsprozessen.
  • Niederschwelliger Zugang durch offene Sprechstunden. Die Beratung ist kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht.
  • Die Beratungsgespräche finden zu vereinbarten Terminen in den offenen Sprechstunden, am Telefon oder auch zu Hause im Lebensumfeld statt (Ausnahmen in der Corona-Pandemie).
  • Bei Bedarf findet eine qualifizierte Vermittlung an andere Fachdienste (Suchtberatung, Schuldnerberatung, Schwangerschaftsberatung, Aidsberatung, Behörden, Selbsthilfegruppen, weitere soziale Einrichtungen) statt.
Mirjam Hübner
Mirjam Hübner
mirjam.huebner@online.de

Mirjam Hübner ist freiberufliche Journalistin und Kommunikationstrainerin. Sie berät die Evangelischen Frauen in Württemberg bei der Kommunikation in sozialen Medien und der Pressearbeit zum Jubiläum. In ihrer Freizeit wandert und liest sie gerne - am liebsten mehrere Bücher gleichzeitig.

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