Neue Ausbildung in der Pflege – Herausforderungen und Chancen

Interviewfragen an Dagmar Weiß, Schulleiterin der Berufsfachschule für Pflege der Ludwig Schlaich Akademie GmbH in Waiblingen

Wofür bilden sie aus?

Unsere Berufsfachschule für Pflege bildet aktuell Altenpfleger*innen (3-jährige Ausbildung), Altenpflegehelfer*innen (1-jährige Ausbildung) aus. Ab dem 1.Oktober 2020 starten wir mit dem ersten Ausbildungskurs für Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. Zusätzlich bieten wir im Rahmen der beruflichen Fort- und Weiterbildung die Weiterbildung zur „Palliative Care Fachkraft“ an und die Weiterbildung für „Praxisanleiter*innen in der Pflege“.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Auszubildenden?

Die Auszubildenden erlernen mit dem Pflegeberuf einen höchst anspruchsvollen Beruf, bei dem viel Fachwissen und Können benötigt wird, da jeder pflegebedürftige Mensch mit seiner eigenen Lebensgeschichte, die er mitbringt, individuell gepflegt werden möchte.

Zudem bietet das Berufsfeld der Pflege krisensichere Jobs. Der Pflegebereich ist ein vielfältiges Berufsfeld. Pflegefachkräfte können in verschiedenen Arbeitsfeldern tätig werden, wie z.B. im Krankenhaus, in der ambulanten Pflege oder in der langzeitstationären Pflege.

Unsere Absolvent*innen haben gute Karrieremöglichkeiten durch Weiterbildung und Studium in Bereichen wie z.B. der Pflegewissenschaft, dem Pflegemanagement und der Berufspädagogik. Wir haben eine Kooperation mit der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg, um unseren Schüler*innen Wege zu eröffnen.

Welche Probleme erkennen Sie?

Pflegefachkräfte arbeiten unter erschwerten Rahmenbedingungen. Hier spielt aus meiner Sicht vor allem der Fachkräftemangel im Pflegebereich eine große Rolle. Aktuell sind 25.000 Stellen von Pflegefachkräften nicht besetzt und langfristig fehlen 120.000 Pflegekräfte in Deutschland. Sie sind auch diejenigen, die in Krisenzeiten, wie aktuell, besonderen Belastungen ausgesetzt sind. Zudem werden Pflegefachkräfte in der Altenpflege aus meiner Sicht zu schlecht bezahlt.

Was ist die größte Herausforderung im Beruf des/der Altenpfleger*in?

Schwierige Rahmenbedingungen und der Fachkräftemangel machen die Arbeit in der Altenpflege nicht immer leicht. Die Anzahl der demenziell erkrankten Menschen in den langzeitstationären Einrichtungen wird in den nächsten Jahren durch den demographischen Wandel stark ansteigen. Demenziell erkrankte Menschen in ihrem Alltag zu begleiten sehe ich als eine besondere Herausforderung für Pflegefachkräfte. Hier ist viel Fachwissen und Fachkompetenz wie z.B. Validation und Biographiearbeit als pflegerische Konzepte und auch sehr hohe soziale Kompetenzen, wie zum Beispiel Empathie und Ambiguitätstoleranz von den Pflegekräften gefragt.

Was ist die größte Motivation für die Auszubildenden?

Wenn ich diesbezüglich mit Auszubildenden ins Gespräch komme, dann sagen diese mir oft, dass es die Dankbarkeit und Freude ist, die sie von ihren Klienten zurückbekommen. Das kann ein einfaches „Danke“ sein oder ein Leuchten in den Augen des/der Bewohner*in sein.

Was ändert sich mit der neuen generalistischen Ausbildung zur Pflegefachfrau und zum Pflegefachmann?

Es gibt zum ersten Mal in Deutschland per Bundesgesetz eine einheitliche Ausbildung. Die ersten beiden Jahre verläuft die Pflegeausbildung bundesweit einheitlich.

Die bisherigen Ausbildungen in der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege und Kinderkrankenpflege wurden durch das neue Pflegeberufegesetz abgelöst und wird es so nicht mehr geben.

Zudem ist das Vorantreiben des Akademisierungsprozesses durch die Möglichkeit Pflege grundständig studieren zu können, ein weiterer wichtiger Schritt.

Wo sehen Sie Vorteile, wo Nachteile in der neuen Ausbildung?

Zum einen erhoffe ich mir durch die neue Pflegeausbildung Vorteile für die Stärkung der Professionalisierung des Pflegeberufes. Zum ersten Mal hat der Pflegeberuf sogenannte Vorbehaltsaufgaben. Das sind Kernaufgaben, die nur im Verantwortungsbereich von Pflegefachkräften sind und nicht delegiert werden können. Das gab es vorher so nicht. Dies stärkt auf jeden Fall die Rolle von Pflegenden. Auch die Einrichtung von Pflegekammern halte ich hier für immens wichtig, die professionelle Pflege entsprechend aktueller pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse sicherstellt.

Zum anderen erhoffe ich mir, dass es durch die Vereinheitlichung der Ausbildung langfristig keine Ab-, oder Bewertungen mehr innerhalb der eigenen Profession gibt und auch in allen Bereichen gleich bezahlt wird.

Nachteile sehe ich in der Wahlmöglichkeit für Auszubildende im dritten Ausbildungsjahr. Hier können sich Auszubildende für einen Abschluss in der Altenpflege oder Kinderkrankenpflege entscheiden. Hier ist der Abschluss der Altenpflege von der Kompetenzausrichtung und der Abschlussprüfung vom Niveau her „niedriger“ angesiedelt als der Abschluss zum Pflegefachfrau und –fachmann und der Kinderkrankenpflege, dadurch kann es wieder zur Ab/-Bewertung der Altenpflege kommen

Derzeit ist die Umsetzung der Vorgaben der generalistischen Pflege bezüglich der Praxisplätze schwierig. Es gibt in vielen Landkreisen Engpässe an Ausbildungsplätzen in der ambulanten und pädiatrischen Versorgung. Wenn eine Pflegeschule keine Kooperationsbetriebe für diese Praxisplätze nachweisen kann, muss sie Ausbildungsplätze absagen. Das ist der derzeitigen Situation des Fachkräftemangels ein großes Problem.

Wir danken Frau Weiß für dieses sehr aufschlussreiche Interview. Das Interview führte Elsa Böld.


Das Bild zeigt Dagmar Weiß.

 

Gastautorin
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