Alleinerziehende Mütter durch Corona besonders gefordert

Alleinerziehende stehen im Alltag vor sehr vielen Herausforderungen. Bei der Vereinbarkeit von Familie, Haushalt und Beruf sind sie anders als Familiengemeinschaften mit zwei Elternteilen meist auf sich allein gestellt und leben sehr häufig an der Armutsgrenze.

Frau Speidel ist Diakonin und seit 2006 im Kirchenbezirk Esslingen tätig. Ihr größter Arbeitsschwerpunkt ist die Alleinerziehenden-Arbeit, dem sie mit 20% Stellenanteil nachkommt.

Frau Speidel, würden Sie uns einen Einblick in Ihren (normalen) Arbeitsalltag geben?

Die Alleinerziehenden-Arbeit in unserem Kirchenbezirk ist sehr vielfältig. Zum einen führe ich sehr viele Einzelgespräche mit Alleinerziehenden, zum anderen organisiere ich auch viele Treffs wie z.B. das Café Regenbogen. Hier treffen sich die Alleinerziehenden in der Regel ein Mal im Monat an einem Sonntagnachmittag oder wir veranstalten ein gemeinsames Frühstück. Dafür dürfen wir das Mütterzentrum Esslingen nutzen und bekommen für den Thekendienst eine Honorarkraft. Die Kinderbetreuung wird vom Büro für Chancengleichheit der Stadt Esslingen finanziert, was eine sehr große Erleichterung ist. Die Treffen sind sehr niederschwellig angelegt und bedürfen auch keiner Anmeldung.

Früher gab es auch sehr viele Infoveranstaltungen und Begegnungstage zu unterschiedlichen Themen wie Pubertät, rechtliche Fragen zu Trennung und Scheidung oder dem Umgang mit Stress, die wir unter anderem auch mit EFW gemeinsam durchgeführt haben. Durch das neue Unterhaltsrecht sind aber jetzt viel mehr Mütter berufstätig. Stattdessen werden jetzt bevorzugt Veranstaltungen durchgeführt, die zusammen mit den Kindern stattfinden. Sehr gerne angenommen wird unser Angebot „Urlaub ohne Koffer“. Hier bieten wir ein gemeinsames Tagesprogramm mit Kinderbetreuung am Wochenende, bei dem alle Familien am Abend wieder Zuhause sein können. Dieses Angebot wird über das Landesprogramm „STÄRKE“ finanziert, damit werden die Ein-Eltern-Familien finanziell entlastet und müssen außer den Kosten für das Mittagessen nichts dazu zahlen.

Generell besteht in meiner Arbeit eine sehr enge Vernetzung mit der Stadt Esslingen. So bin ich Mitglied im Arbeitskreis Alleinerziehende und im AK „Netzwerk Familien“. Den Austausch mit den anderen Organisationen erlebe ich als bereichernd für meine Arbeit.

 

Mit welchen Fragestellungen kommen die Alleinerziehenden zu Ihnen?

Es ist eine ganze Menge an Fragestellungen, mit denen sich die Alleinerziehenden beschäftigen. Eine große Rolle spielt zum Beispiel die Kommunikation mit dem Kindsvater und seiner Rolle in der getrennten Familie, aber auch das Umgangs- und Unterhaltsrecht, wenn nicht oder nur schleppend gezahlt wird. Oft sind auch finanzielle Probleme ein großes Thema, besonders bei Müttern, die einen Beruf ausüben möchten, aber keine Kinderbetreuung haben. Viele Alleinerziehenden leben in sehr engen Wohnverhältnissen und wünschen sich Unterstützung bei der Wohnungssuche. Aber auch bei persönlichen Krisen stehe ich den Alleinerziehenden für Fragen zur Verfügung. Viele beschäftigt die Ursache der Trennung, oft sind damit auch Schuldgefühle verbunden.

Generell besteht eine sehr große Nachfrage nach einem Austausch mit anderen alleinerziehenden Familien. Ein Mal im Jahr bieten wir zum Beispiel auch eine Pilgerwanderung für Frauen mit Kindern ab 16 Jahren an, die besonders den gemeinsamen Austausch fördern soll. Die Veranstaltungen helfen den Familien auch, um sich trotz Trennung als Familie zu fühlen, gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen und auch den Kindern untereinander einen schönen Austausch zu ermöglichen. Das öffnet sehr oft Schleusen und befördert das Gefühl „die sind wie ich“.

 

Welche Probleme und Herausforderungen schildern die Alleinerziehenden aus ihrem Alltag und wo sehen sie Chancen, in dieser Familienform zu leben?

Eine der größten Herausforderungen, die auch viele Probleme mit sich bringt, ist vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber auch persönliche Probleme mit dem Kindsvater, finanzielle Sorgen und vermehrt auch die mittlerweile sehr herausfordernde Wohnungssuche sind ein hoher Stressfaktor. Viele Alleinerziehenden haben auch mit der Einsamkeit zu kämpfen und sehnen sich nach einer neuen Partnerschaft.

Eine Erleichterung ergibt sich für viele schon dadurch, dass die Zeit vor der Trennung mit viel Streit und Stress belastet war. Viele Alleinerziehenden empfinden die gemeinsame Zeit alleine mit dem Kind entspannter. Wenn gute Umgangsregelungen bestehen, dann genießen viele es auch, dass sie zum Beispiel jedes zweite Wochenende ganz für sich gestalten können und sich selbst Zeit geben können, Sport zu treiben oder sich mit einer Freundin zu treffen. Da muss aber auch das Verhältnis zum Vater der Kinder stimmen, sonst sind die Mütter sehr besorgt um das, was beim Vater gerade passiert.

Viele empfinden die neu gewonnen Entscheidungsmacht, wenn der Alltag ganz nach den eigenen Vorstellungen gestaltet werden kann und nicht alles mühsam diskutiert und abgesprochen werden muss, als eine Bereicherung

 

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrer Beratung?

Zu Beginn der Beratung von Alleinerziehenden dreht sich alles um die Neuorganisation der Lebenssituation und um das „Zur Ruhe kommen“. Erst danach kommen viele Fragen auf, bei denen auch der Glaube helfen kann. Im Einzelgespräch geht es dabei zum Beispiel auch darum, sich selbst und dem Partner zu vergeben. Einige der Alleinerziehenden sind gläubig und in der Kirchengemeinde aktiv. Es kommen auch Muslima zu den Einzelgesprächen oder auch Alleinerziehende, die gar nicht gläubig sind.

Einmal im Jahr findet in der Gemeinde Oberesslingen ein Gemeindegottesdienst mit Alleinerziehenden statt, bei dem viele mitmachen.

Im Einzelgespräch zeigt sich der Glaube vor allem in meiner Haltung den Alleinerziehenden gegenüber: du bist angenommen, so wie du bist; du bist gut, so wie du bist und du musst dich nicht erst ändern, um wertgeschätzt zu werden. Manchmal bitten die Alleinerziehenden im Anschluss an das Gespräch auch um ein Gebet. Viele ändern auch ihr Bild von Kirche, und wertschätzen das Angebot sehr.

 

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag und der Alltag der Alleinerziehenden in der Corona-Krise verändert?

Zunächst einmal waren ja alle persönlichen Kontakte nicht mehr möglich. Damit konnten auch die Treffs und die persönliche Beratung nicht stattfinden, diese habe ich stattdessen telefonisch angeboten. Tatsächlich habe ich einen sehr starken Zuwachs an seelsorgerischen Fragen am Telefon erlebt. Aufgrund der ausgefallenen Kinderbetreuung standen viele der Alleinerziehenden unter hohem finanziellem Druck, da sie vermehrt unbezahlten Urlaub nehmen mussten. Mittlerweile biete ich auch Beratung während eines gemeinsamen Spaziergangs oder auf einer Parkbank an, aber dies geht natürlich nur bei den Alleinerziehenden, bei denen die Kinder schon größer sind und alleine Zuhause bleiben können.

Am 17. März habe ich eine tägliche Rundmail mit dem Titel „Schönes Teilen“ ins Leben gerufen. Die Alleinerziehenden-Familien konnten hier verschiedene Zitate, Gedichte, Geschichten oder Momente, die Mut machen, zusenden und diese habe ich anonymisiert an alle Familien verteilt. Es sind fast täglich kleine Mutmacher eingegangen, wie z.B. Momente, in denen eine Mutter der finanziellen Engpässe zum Trotz einen leckeren Schokoladenkuchen gebacken hat oder eine andere das tägliche Vogelgezwitscher vor ihrem Fenster an einem Tag als ganz besonders aufmunternd empfunden hat. Viele der Familien haben diese Geschichten als sehr guttuend zurückgemeldet und fühlten sich in ihrer Kreativität angeregt.

Als eine andere Aktion haben wir den geplanten gemeinsamen Ausflug zum Muttertag zu einer individuellen Schatzsuche gestaltet, bei der jede Familie für sich unterwegs sein konnte. Auch dieses wurde sehr positiv aufgenommen.

Die Rückmeldungen zu der Krisensituation sind sehr vielfältig. Einige haben den Lock-Down als eine Entschleunigung des stressigen Alltags empfunden und die neu gewonnene gemeinsame Zeit als sehr glückliche Zeit erlebt. Für andere war und ist es ein finanzielles Desaster und eine totale Überforderung aufgrund des Wegbrechens der Tagesstruktur. Viele haben auch Probleme mit Schulaufgaben und sind sehr im Verzug, andere reagieren sogar mit stärkeren depressiven Verstimmungen.

 

Welche Formen der Unterstützung gibt es für Alleinerziehende in der Kirchengemeinde?

Manche Kirchengemeinden konnten den Alleinerziehenden vor allem mit den Not- und Sozialfonds eine sehr unbürokratische finanzielle Hilfe bieten. Bis alle Anträge für die finanzielle Unterstützung des Bundes vollständig waren, konnten damit Unterstützungseinbrüche aufgefangen werden. Die Barrieren dafür sind viel niedriger als bei den Unterstützungsgeldern des Bundes, gerade für Alleinerziehende und Familien ohne Rücklagen ist diese Unterstützung existenziell gewesen.

 

Sie haben in Ihrer Arbeit sehr viele Einblicke in die Herausforderungen der Alleinerziehenden erhalten. Wo sehen Sie politischen Handlungsbedarf, um den Alltag, die gesellschaftliche Teilhabe und finanzielle Sicherheit der Alleinerziehenden und ihrer Kinder zu unterstützen?

Ich unterstütze sehr die politischen Forderungen des VAMV. Im Grunde gilt für die Alleinerziehenden das, was für alle Familien gilt: sie benötigen vernünftige bezahlbare Wohnverhältnisse, ein geregeltes und existenzsicherndes Einkommen und eine uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Leider ist dies nicht in allen Städten, Landkreisen und Kommunen gegeben, es gibt nach wie vor Flecken auf der Landkarte, in denen ein Leben als Ein-Eltern Familie sehr schwierig ist, weil z.B. die Kinderbetreuung nicht ausreichend angeboten werden kann und Unterstützungsangebote fehlen. Diese Lücken sollten im Hinblick auf das sehr hohe Armutsrisiko von Alleinerziehenden so schnell wie möglich geschlossen werden.

 

Vielen Dank an Frau Speidel für das sehr informative Interview. Das Interview führte Elsa Böld, Referentin Kirche und Gesellschaft, EFW.

Weitere Informationen:

Café Regenbogen für allein Erziehende

Netzwerk Alleinerziehenden-Arbeit Baden Württemberg

Gastautorin
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efw@elk-wue.de

Hier im Blog schreiben immer wieder verschiedene Autorinnen aus dem Umfeld von EFW. Wir freuen uns sehr über Beiträge.

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