Mama, Marie liegt im Wohnzimmer

Ich bin Krimi-affin. Wenn ich unsere Küche betrete und mich meine 12-jährige Tochter mit diesen Worten empfängt, ist mein inneres Bild eine Tatortszene. Weniger dramatisch zumindest eine kollabierte Pubertistin. Auf die Idee, dass es sich um Handy auf dem Teppich handelt, bin ich nicht gekommen. Ich muss ein bisschen dumm geguckt haben. Also erklärte mir meine Tochter, dass sie gerade (während sie genüsslich in der Küche Tee kochte) mit Marie im Videochat sei und das Handy im Wohnzimmer auf dem Teppich läge. Ich solle mich also verbal entsprechend am Riemen reißen. Hm. Unser Wohnzimmer ist Durchgangszimmer nach oben. Hier werden alle erzieherischen Kommandos zu den Kindern nach oben und deren Meinung über die elterlichen Vorstellungen nach unten gerufen. Die üblich verdächtigen Inhalte von dreckiger Wäsche, nicht weggeräumtem Geschirr, noch unerledigten Aufgaben, etc. sind also aus Teenie-Perspektive nicht Chat-fähig. Kann ich verstehen. Aber ist unser Wohnzimmer der richtige Ort für offene Chats im Leerlauf? Überhaupt ist der Handy-Chat laufender Begleiter. Kabellose Telefone haben eine große Reichweite. Die Maries unserer Welt stehen mit in der Küche, laufen mit durch den Flur, warten beim Kämmen mit im Badezimmer. Der Raum für mobile Teenie-Privatsphäre vergrößert sich täglich, während der Raum für familiäre Privatsphäre schleichend weicht. Da muss offensichtlich neu verhandelt werden.

Da sich die Freizeitgestaltung in vielen Bereichen ins Digitale verlagert, verändert sich auch der gemeinsame Familienaustausch bei den Mahlzeiten. Wenn mein Sohn zum Abendessen begeistert vom Scill-based-match-Making, von Baufights, editierten Fenstern, vom No-Range und Spiele ricken erzählt, mich an Squarks und Glidesloaps teilhaben lässt, fühle ich mich einerseits sehr dankbar, dass er seine Welt und seine Begeisterung immer noch unfraglich mit uns teilen mag. Gleichzeitig fühle ich mich uralt, aus einer Welt vor unserer Zeit, konfrontiert mit einer Sprache, die ich theoretisch verstehen sollte. Aber für mich sind Charts immer noch eine Beliebtheitsskala von Musik, keine Fluginformationen. Wie sollte ich denn auch darauf bloß kommen?!

Meine Welt verändert sich fast täglich, selbst am vertrauten Esstisch. Verstehen tue ich vieles nicht sofort. Entsprechend kann ich auch gar nicht richtig reagieren. Oder ich weiß nicht, was jetzt gerade richtig ist. Es ist eine neue Situation, in der ich lernen muss, auf feine innere Impulse zu hören, sie zu verstehen und zu überlegen, warum ich etwas schön oder blöd finde. Wie ich es mir anders vorstellen könnte und warum eigentlich. Ich experimentiere also nicht nur täglich mit technischen Herausforderungen, mangelndem Platz und fehlender Ausstattung, sondern auch im familiären Setting. Je nach Tagesform geht das gut durchs Nervenkostüm und ich sehe es als Herausforderung. Manchmal ist es einfach zu viel und ich will einfach alles wieder haben, wie es war. Oder Urlaub von allem und vom jetzt und hier. Manchmal ist es auch nur witziges Alltagskabarett. Und ich weiß die schlichten Alltagsarbeiten wieder zu schätzen: das Socken-Zusammenlegen oder Bügeln. Hallo: da weiß ich, was ich tu, worauf es ankommt. Es geht mir von der Hand ohne zu fragen und ich weiß, was mich erwartet.

Es verändern sich Inhalte und Räume. Die eingeübte Trennung von privaten, beruflichen und Peer-group-Sphären ist dahin. Das Leben wird fluider und ich weiß noch nicht so recht, was dieses Zerfließen von Grenzen bedeutet. Wie soll ich über all das nachdenken? Im Sinne von Entgrenzung? Oder hebt sich die Entfremdung zwischen Berufs- und Privatleben wieder auf? Was würde das für Folgen für berufliche und private Entwicklungen mit sich bringen? Ich vermisse die Mittagspausen und die gemeinsame Tasse Kaffee im Geschäftsstellenfoyer und ich genieße gleichzeitig die gewonnene Mittagspause mit den Kindern. Es gibt so viel, was gleichzeitig von Bedeutung ist, aber nicht gleichzeitig geht oder gehen wird. Fünf Stunden schlaf pro Woche mehr, schlagen richtig zu Buche, was meine Lebensqualität betrifft. Aber das distanzierte Arbeiten nimmt auch Arbeitsqualität. Was wollen wir wie bewerten, was in Zukunft wie gestalten?

Ich bin neugierig, was psychologische und soziologische Forschung mal über diese Zeit sagen werden. Für mich ist es derzeit wie eine neue Form von Wellengang. Ich muss neu darin schwimmen lernen. Es ist irgendwie das gleiche Wasser, aber völlig anders in Takt und Sog, Stärke oder Höhe des Seegangs. Achtsamkeit und die Notwendigkeit, auf neue Art Pausen zu gestalten, ist angesagt. Und alle halten gerade irgendwie den Kopf über Wasser. Wie erhalten wir uns das Verständnis, den Humor, die Nachsicht für uns selbst und füreinander? Ich bin gespannt.

Dina Maria Dierssen
Dina Maria Dierssen
dina.maria.dierssen@elk-wue.de

Dina Maria Dierssen ist 48 Jahre alt. Sie ist Mutter einer 11jährigen Tochter und eines 14jährigen Sohnes, die sie neben der vollen Stelle gut auf Trab halten. Seit 1996 ist sie in der evangelischen Frauenbildungsarbeit unterwegs: zunächst im Kirchenkreis Wetzlar-Braunfels und seit 1999 in Württemberg. Seit 2014 hat sie die Leitung der Evangelischen Frauen in Württemberg (EFW). Wenn ihr etwas Luft bleibt, packt sie hin und wieder ihre Flöte aus. Ihre musikalische Kirchengemeinde macht´s möglich.

1 Kommentar
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    Marliese
    Veröffentlicht um 13:47h, 27 Mai Antworten

    Liebe Dina,
    einmalig gut!! Ganz gebannt habe ich deinen wie immer ausgezeichneten Text gelesen. Der Inhalt trifft die ganze Bannbreite der aktuellen Tage. Vieles kann ich genauso nachvollziehen, als uralt Großmutter, mal wieder gar nicht verstanden zu haben.

    Bin gerade bei Maria in Graz, den kleinen Elias interessieren Chats und Co. noch nicht, wie wird es sich bei ihm entwickeln, wird da die junge Mutter im Tempo der Entwicklungen Schritt halten können?

    Ganz liebe Grüße, gleich gehts aufs Fahrrad, das ist einfach, nur strampeln!

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