“Heutige Menschen wollen nicht belehrt werden”

Was glaubst du und was gibt dir Kraft? Rundfunkpfarrerin Dr. Lucie Panzer will die Menschen in ihren Beiträgen da abholen, wo sie in ihrem Alltag stehen.

1. Frau Panzer, erzählen Sie uns ein wenig über sich. Wie kommt man – beziehungsweise Frau – zum Amt der Rundfunkpfarrerin?

Vor über 30 Jahren wurde ich als junge Pfarrerin vom damaligen Rundfunkpfarrer angefragt, ob ich gelegentlich solche Radiobeiträge schreiben und sprechen könnte. Damals waren nur wenige Frauen auf dem Sender und er suchte deshalb ausdrücklich eine Frau mit Familienerfahrung. Mir war diese Gelegenheit sehr willkommen. Ich war gerade in Elternzeit und die Radiobeiträge konnte ich schreiben, wenn die Kinder im Bett waren… Es stellte sich nach einiger Zeit heraus, dass die Hörerinnen und Hörer meine Beiträge mochten. So wurde ich später von der Landeskirche zur Nachfolgerin und neuen Rundfunkpfarrerin berufen.

2. Wie gehen Sie bei der Themenrecherche vor? Welches Hörerinnenprofil haben Sie bei der Planung der Themen im Kopf und mit welchen Beiträgen sprechen Sie Frauen erfahrungsgemäß besonders stark an?

Ich gehe in der Regel auf Themen ein, die mir im Alltag begegnen. Durch Gespräche mit anderen, in den Medien, zum Beispiel beim Zeitunglesen. Meine eigenen Beiträge werden in den Programmen SWR1 und SWR4 gesendet. Da kann ich mir die HörerInnen und Hörer von ihrer Lebenssituation und ihren Interessen ganz gut vorstellen.

Ich höre ja selbst auch SWR1, wenn ich Radio höre. Ich rede also zu HörerInnen ab 40, meistens Familienmenschen, Eltern von Heranwachsenden oder erwachsenen Kindern, Berufstätige, auf SWR4 viele Großeltern, Rentner. Wichtig ist mir, Fragen, Freuden, Probleme aus deren Alltag aufzugreifen. Nur wenn die HörerInnen das Gefühl haben: ja, genau, so geht es mir auch – nur dann hören Sie zu. Alltagssituationen wecken Interesse. Interesse heißt ja lateinisch „dazwischen sein“.

Antworten oder eine neue Perspektive auf den Alltag finde ich oft in den Geschichten und Texten der Bibel.

3. Welche “Sprache” sprechen Sie in Ihren Beiträgen? Erleben Sie den Auftrag des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks und den Verkündungsauftrag der Landeskirche manchmal als Diskrepanz?

Ich bemühe mich, in ganz alltäglicher Sprache zu sprechen. Martin Luther hat gesagt, man muss „dem Volk aufs Maul schauen“, wenn man verstanden werden will. Ich finde, das gilt heute noch.

Gemäß dem Rundfunkstaatsvertrag haben wir Sendezeiten im öff-rechtl. Rundfunk, um „die Auffassungen der Kirche“ ins Gespräch zu bringen. Und wenn die Kirche den Auftrag von Jesus ernst nimmt „geht in alle Welt und verkündigt das Evangelium“ – dann ist es genau das, was wir im Rundfunk machen. Der Unterschied ist vielleicht: Im Radio hören auch die zu, die nur ein loses oder gar kein Verhältnis zur Kirche haben, und natürlich HörerInnen aus allen Konfessionen. Und auch die möchte ich interessieren.

4. Haben Sie eigene Lieblingsbeiträge und wenn ja – welche sind das?

Ich höre gern zu, wenn mir jemand von seinen Erfahrungen, auch den Glaubenserfahrungen authentisch erzählt. Ich meine, es geht darum, weiterzugeben, wie mir selber der Glaube in bestimmten Situationen hilft. Das versuche ich selber auch zu sagen, als Angebot für die ZuhörerInnen.

5. Ein Blick in die Zukunft, was glauben Sie persönlich: mit welchen Inhalten und mit welcher Sprache wird die Landeskirche künftig (auch jüngere) Frauen erreichen?

Heutige Menschen wollen nicht belehrt werden, sondern fragen nach Erfahrungen der anderen. Was glaubst du? Wie machst Du das? Was gibt dir Kraft? Woher kommt dein Mut in den verschiedenen Lebenssituationen? Wenn die Kirche alltagsorientiert zu solchen Lebensfragen der Menschen Stellung nimmt, tröstet und ermutigt, dann wird sie Menschen erreichen. Da bin ich sicher.

Frau Panzer, vielen Dank für das Gespräch!

Kurzvita Lucie Panzer:

geboren 1955 im Weserbergland,
Pfarrerin; zunächst an der Stiftskirche in Tübingen; nach der „Familienphase“ in verschiedenen Gemeinden im Neckartal;
seit 1986 Autorin von kirchlichen Verkündigungssendungen im Südwestfunk
seit 1995 Rundfunkpfarrerin der Württembergischen Landeskirche beim SWR,
zuständig für die Sendungen der Ev. Kirche in den Programmen SWR 1/SWR 4 und SWR DasDing;
Radiobeiträge auch für Deutschlandfunk, Deutschlandradio und Deutsche Welle
Vortragstätigkeit in Gemeinden und beim Evangelischen Kirchentag;
Verschiedene Buchveröffentlichungen
Zuletzt 2014: „Der Her Jesus, Dr. Martin und ich – wie ich Martin Luther verstehe“
Lucie Panzer lebt in Stuttgart und hat 4 erwachsene Kinder.

Foto: Dr. Lucie Panzer

Beitragsbild: pexels, Public Domain

Mirjam Hübner
Mirjam Hübner
mirjam.huebner@online.de

Mirjam Hübner ist freiberufliche Journalistin und Kommunikationstrainerin. Sie berät die Evangelischen Frauen in Württemberg bei der Kommunikation in sozialen Medien und der Pressearbeit zum Jubiläum. In ihrer Freizeit wandert und liest sie gerne - am liebsten mehrere Bücher gleichzeitig.

Keine Kommentare

Kommentar schreiben