Schwanger sein in der Coronakrise – Einblicke in die Arbeit einer Beraterin

Frau Gerischer arbeitet seit vielen Jahren in einer Beratungsstelle für Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung des Diakonischen Werks Württemberg. Sie berichtet davon, was sich durch Corona verändert hat.

Guten Tag Frau Gerischer, vielen Dank, dass Sie zu einem Interview bereit sind. Die Corona-Pandemie beeinflusst  auch die Arbeit der vielen Beratungsstellen im Raum der Evangelischen Landeskirche in Württemberg stark. Sie sind in einer Beratungsstelle für Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung des Diakonischen Werks Württemberg tätig und können aus erster Hand von den neuen Herausforderungen berichten.

Wie geht es Ihnen zurzeit mit Ihrer Arbeit unter Corona-Bedingungen?
Mit meiner Arbeit geht es mir zurzeit unter den Corona-Bedingungen gut. Unser Arbeitgeber hat am Anfang der Pandemie schon sehr schnell reagiert und uns ausreichend Schutzmaßnahmen zur Verfügung gestellt. Seit Juni berate ich ausschließlich nur mit Maske und die KlientInnen müssen bei uns im Haus ebenso Maske tragen. Ich habe ein großes Einzelbüro und wir können den Abstand einhalten. Zudem haben wir die Möglichkeit, maximal zwei Tage in der Woche mobiles Arbeiten von zu Hause aus zu machen. Dies nutze ich aber nur selten, da ich gerne ins Büro gehe. Die Beratung für Schwangere und junge Familien und die Schwangerschaftskonfliktberatung finden häufig am Telefon statt. Wegen der Sprachbarriere und anderer Gründen ist es mit vielen Menschen aber auch notwendig, persönliche Gespräche zu führen.

Oftmals wurden wir gefragt, ob wir denn überhaupt „offen“ haben. Uns ist es wichtig zu betonen, dass unsere Beratung auch während des Lockdowns immer stattfindet und die ratsuchenden Menschen Termine vereinbaren können. Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, haben entgegen mancher Meldungen in der Presse, immer die Möglichkeit, Termine für einen Abbruch bei den entsprechenden Stellen zu vereinbaren.

Wie hat sich Ihre Arbeit während der Corona-Pandemie verändert? Was vermissen Sie am meisten?
Die größte Veränderung für mich in der Beratung ist, dass ich meine KlientInnen seit Monaten nur noch mit Maske sehe oder bei Erstberatungen am Telefon manchmal gar nicht weiß, wie die Menschen aussehen. Dadurch geht sehr viel Mimik und Gestik verloren und am Telefon sehe ich nicht, in welcher Stimmung die Frau ist. Dies ist für unsere Arbeit aber sehr wichtig. Eine weitere große Veränderung ist, dass wir während des Lockdowns nicht mehr häuserübergreifend arbeiten dürfen. Dadurch habe ich manche KollegInnen seit Monaten nicht mehr persönlich gesehen. Unsere Teamsitzungen finden online statt. Am meisten vermisse ich die persönlichen Treffen mit KollegInnen, sei es in Teamsitzungen, Kooperationsgesprächen und auch das unkomplizierte „kurz mal Zusammensitzen“. Zudem habe ich seit der Pandemie keine Schulveranstaltungen mehr zum Thema Sexualpädagogik durchgeführt. Dieser Teil meiner Arbeit ist komplett weggefallen.

Bei allem, was schwierig geworden ist: Gibt es auch Veränderungen, die Sie positiv sehen?
Positiv sehe ich auf jeden Fall den Einsatz der Technik, auch wenn wir immer wieder mal Probleme mit der Verbindung haben. Unsere Kollegin von unserer Außenstelle in Herrenberg kam vor Corona nur einmal im Monat zu unserer Teamsitzung, nun kann sie online jede Woche teilnehmen. Auch der Austausch mit KollegInnen in anderen Schwangerenberatungsstellen aus Württemberg kann online unkompliziert stattfinden. In Präsenz ist das für viele KollegInnen aufgrund des Anfahrtsweges immer ein hoher zeitlicher Aufwand.

Bei den Schwangeren und werdenden Eltern haben wir die Rückmeldung, dass aufgrund der eingeschränkten Besuchszeiten in den Krankenhäusern die Mütter und Neugeborenen viel ruhiger sind, da in den ersten Tagen nach der Geburt nicht ständig Besuch kommt. Dies fördert auch die Bindung zwischen den Eltern und dem Kind.  Viele Väter, die im Home Office sind, haben mehr Zeit mit ihren Babys und können somit von Anfang an eine intensivere Bindung zu ihren Kindern aufbauen.

Frauen wenden sich an Sie bei Fragen in der Schwangerschaft. Gibt es andere Fragen oder Themen in der Coronazeit für die Frauen?
Einige schwangere Frauen bekommen Kurzarbeitergeld und machen sich deshalb Gedanken, welche Auswirkungen dies auf das Elterngeld hat. Zudem gibt es viele Fragen und Unsicherheiten beim Thema Ansteckung in Bezug auf Vorsorgetermine beim Gynäkologen,  auf die Geburt und die Zeit nach der Geburt. Viele werdende Väter dürfen zu den Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen nicht mit oder dürfen nur eingeschränkt dabei sein. Darüber hinaus sind die Besuchszeiten im Krankenhaus für die Väter sehr eingeschränkt, während der Geburt dürfen sie oft erst dazu kommen, wenn es richtig losgeht. In einem Einzelfall berichtete mir eine Frau, dass ihr Mann zur Geburt gar nicht dazu durfte und das Baby erst drei Tage nach der Geburt sehen konnte.

Die Zeit nach der Geburt ist für viele Eltern auch schwieriger als sonst, da sie keine große Unterstützung, zum Beispiel durch die Großeltern haben. Zusätzlich vermissen die Frauen die Babykurse, wie z. B. Babyschwimmen oder Krabbelgruppe. Dies ist ein wichtiger Faktor, um als frischgebackene/r Mutter oder Vater in Austausch mit anderen Eltern zu kommen. Das fehlt vielen Eltern enorm.

In der Schwangerschaftskonfliktberatung schwingt das Thema Corona und die damit verbundenen Unsicherheiten bezüglich Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit, Ansteckung und engem Wohnraum mitunter in der Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch mit.

Welche neuen Problemstellungen sind aufgetaucht?
Für unsere KlientInnen gibt es neue Problemstellungen. Die Ämter sind geschlossen und es gibt keine Möglichkeit der Vereinbarung von persönlichen Terminen, z. B. beim Jobcenter. Dadurch erschwert sich der Zugang für unsere KlientInnen zu Transferleistungen. Die durch Corona noch mehr vorangetriebene Digitalisierung mancher Ämter erschwert es vielen Menschen Anträge zu stellen und ihre Rechte durchzusetzen. Aufgrund von Sprachbarrieren oder anderen Gründen haben manche Menschen keine Möglichkeit, ihre Angelegenheiten am Telefon, per Email oder online zu erledigen.

Zudem wurden einige Termine bei Gynäkologen aufgrund von Corona verschoben. Dies führte in einem Einzelfall dazu, dass der Termin zur Einsetzung der Spirale bei einer Frau durch den Gynäkologen zweimal verschoben wurde und sie dann zu mir in die Schwangerschaftskonfliktberatung kam, da sie ungewollt schwanger war.

Großes Thema bei vielen KlientInnen ist auch der zu enge Wohnraum. Dies führt in vielen Familien zu mehr Streitigkeiten und Druck. Zudem sind die Familien, die wir begleiten, durch die Kita- und Schulschließungen besonders betroffen, da sie auf eine Betreuung ihrer Kinder aus verschiedenen Gründen angewiesen sind und sie dadurch entlastet werden.

Wenn Leserinnen schwangere Frauen kennen, was wäre Ihr wichtigster Tipp für Freunde oder Familie?
Mein wichtigster Tipp wäre, dass Schwangere und werdende Väter trotz aller Unsicherheiten, die die Pandemie mit sich bringt, die Schwangerschaft genießen sollen, versuchen gelassen zu bleiben und sich nicht verrückt machen lassen. Ich rate dazu, das zu tun, was einem gut tut, und vor allem trotz der Kontaktbeschränkungen seine sozialen Beziehungen zu pflegen. Dies bringt Stabilität, gerade in solch einer großen Umbruchsituation durch Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes. Der Kontakt zu anderen werdenden Eltern ist auch sehr wichtig. Schwangere Frauen sollten sich vor der Geburt über die aktuellen Regelungen in den Kliniken informieren.

Eine letzte wichtige Info wäre noch, dass eine schwangere Frau zwei enge Bezugspersonen aus ihrem Umfeld benennen kann, z. B. Ehemann/Partner oder Großeltern, die sich in Stufe 3 laut Stufenplan der STIKO impfen lassen können. Schwangere und stillende Frauen werden derzeit nur bedingt geimpft. Durch die Impfung ihrer engsten Bezugspersonen haben sie aber ein deutlich geringeres Risiko sich anzustecken.

Gute Informationen rund um Schwangerschaft und Covid-19 gibt es auf https://www.familienplanung.de/schwangerschaft/informationen-zum-coronavirus-sars-cov-2/.

Wenn Sie an die Frauen denken, die sich an Sie wenden, was wünschen Sie den Frauen?
Ich wünsche den Frauen eine stressfreie, sorglose, gesunde und angenehme Schwangerschaft und damit verbundene Geburt ihres Kindes. Trotz der vielen Ängste und Unsicherheiten aufgrund von Corona hoffe ich für die Frauen, dass sie sich trotzdem auf ihr Gefühl bzw. ihre Intuition verlassen können und für sich und ihr Baby gut sorgen können und eine schöne erste Zeit mit ihrem Baby erleben können.

Frau Gerischer, herzlichen Dank für das Interview!

Janina Mangelsdorf
janina.mangelsdorf@elk-wue.de

Janina Mangelsdorf ist 32 Jahre alt. Sie ist Erwachsenenbildnerin und bei den Evangelischen Frauen in Württemberg besonders für Frauengesundheit und Flüchtlingsfrauen zuständig. Durch ihre Ausbildung zur Medizinisch-technischen Laboratoriumsassistentin liegt ihr alles was mit Gesundheit und Medizin zu tun hat sehr am Herzen. Als bekennender Stadtmensch liebt sie ihr Stuttgart, reist aber auch sehr gerne nach Lettland, da sie lettisch-ungarische Wurzeln hat. Sie ist in ihrer Kirchengemeinde in Degerloch seit vielen Jahren in der Kinder- und Teenykirche und im Kirchengemeinderat aktiv. Und zu guter Letzt ist sie stolze dreifach Patentante und liebt es mit ihren Patenkindern Ausflüge zu machen.

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